Was macht nun Blanning zufolge die hier behandelte Zeitspanne zu etwas Besonderem? Europa zwischen dem Westfälischen Frieden und dem Wiener Kongress sei als „Epoche der Aufklärung“ nur unzureichend charakterisiert. Der Autor bevorzugt, von einer „Wechselbeziehung zwischen Gefühlskultur und Vernunftkultur“ zu sprechen, innerhalb derer das Pendel zum Religiösen ebenso ausschlagen konnte wie in Richtung eines weltlichen Fortschritts.
Hier deutet sich schon an, dass es Tim Blanning nicht ausschließlich um eine politische Geschichte von Fürsten und Staaten geht – auch wenn die Interessen des Autors zweifellos eher bei den großen Männern liegen als bei den Unterschichten. Doch begonnen wird mit einem ausführlichen Abschnitt zu den Wirtschafts- und Lebensbedingungen der Bevölkerung, bevor es dann in Teil zwei politischer wird und die Herrschafts- und Machtverhältnisse ins Zentrum rücken. Ein dritter Bereich widmet sich Religiosität, höfischer Kultur und dem Spannungsfeld zwischen Glauben und Vernunft: das Spektrum reicht von Hexenverfolgungen bis zu Romanproduktion und Philosophie. Abschließend nimmt Blanning die außenpolitischen und kriegerischen Entwicklungen chronologisch in den Blick.
Ein kurzes Fazit hebt die Gegenläufigkeit von Rückschritt und Fortschritt als Kennzeichen der Epoche hervor (gleichsam vom Wetterläuten in den Kirchen bis zur Entwicklung des Blitzableiters, S. 878). Wandel konnte zwar auch „zum Schlechteren“ verlaufen, wie sich an den Lebensmöglichkeiten unterer Schichten zeige, die nicht von der Modernisierung profitierten – doch die Fortschrittserzählung erhält hier ein größeres Gewicht.
Insgesamt handelt es sich um eine hochgelehrte und zugleich spannend geschriebene, farbenprächtige Schilderung, denn Blanning gelingt es, vielfältige zeitgenössische Quellen zum Sprechen zu bringen. Die nun vorgelegte deutsche Übersetzung ist daher nur zu begrüßen. Wer sich über anderthalb bedeutsame Jahrhunderte in der europäischen Geschichte auf gelehrte und zugleich unterhaltsame Weise informieren will, wird dieses Buch mit Genuss und Gewinn lesen.
Rezension: Prof. Dr. Alexander Schunka
Tim Blanning
Glanz und Größe
Der Aufbruch Europas 1648–1815
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2022, 928 Seiten, € 49,–





