Der Titelbegriff der Ausstellung, Capriccio, bezeichnet die eigensinnigen, launigen Einfälle in der Kunst. Kokoschka selbst empfand den Begriff als treffend für einen ganz besonderen Teil seiner Arbeiten, die im Kunsthaus umfassend vorgestellt werden.
Der 1886 in Österreich geborene Kokoschka vermochte es, in seinen Porträts, Städtebildern und Stillleben die Kraft und Dynamik des Lebens sichtbar zu machen. Er war einer der herausragenden Künstler des Expressionismus, mit ihm brach die Wiener Kunst um 1900 in die Moderne auf. Die Entwicklung von der historischen Dekorationsmalerei zur expressiven Ausdruckskunst wird in der Ausstellung im Kunsthaus Stade als künstlerisches Grundbedürfnis Kokoschkas sichtbar. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war er nach England geflohen, denn seine Kunst galt beim NS-Regime als „entartet“. Kokoschka wurde zum „politischen Künstler“, finanzierte Plakataktionen, schrieb Aufsätze und hielt Reden, in denen er sich gegen die nationalsozialistische Diktatur einsetzte. So schrieb er 1945: „Der schöpferische Mensch hat zu identifizieren, was den Geist des Menschen verfinstert, um dann diesen Geist zu befreien.“ Trotz der Demütigungen, der Jahre im Exil und seiner enttäuschten Liebe zu Alma Mahler, schätzte Oskar Kokoschka das Leben, seine Dynamik und Vielfalt. Er war interessiert an Neuem, unternahm viele Reisen und war gleichsam ein treuer Freund. 1953 verließ er das Exil in Großbritannien und siedelte in die Schweiz über. Er trieb sein eigenes Schaffen voran, widmete sich gleichzeitig der Jugend. Von 1953-1963 unterrichtete er in Salzburg in der „Sommerakademie für Bildende Kunst“, seine Seminare nannte er „Schule des Sehens“. 1980 verstarb er in Montreux.
So vielfältig wie sein Leben ist auch Kokoschkas Werk: kritisch und kraftvoll einerseits, spontan und spielerisch andererseits. Die im Kunsthaus Stade ausgestellten Werke entstammen dem Zeitraum von 1906 (Postkarten für die „Wiener Werkstätte“) bis 1978 (Lithografie einer Orchidee). Die Ausstellung umfasst insgesamt 153 Arbeiten: Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken, die Kokoschka spontan und von einem Erlebnis inspiriert fertigte, Arbeiten voll abwechslungsreicher Sujets, Humor und Bewegung.
In diesen spontanen Arbeiten kann er der vitalen Geste freien Lauf geben. Räume werden nicht realistisch dargestellt, es kommt auf die Präsenz des Modells, des Augenblicks an. Diese freien, spielerischen Arbeiten Kokoschkas zeugen von seinem Wunsch nach einer Kunst ohne Zwänge, von seiner Sehnsucht nach einem Miteinander, einer Vereinigung von Leben und Kunst. In seinen Selbstbildnissen setzt er sich mit seiner Zeit, als auch mit Themen der Geschichte auseinander. Teilweise sind diese „Blicke in den Spiegel“ geprägt von einer humorvollen Sicht auf sich selbst. Kokoschka interessierte sich für Musik, ließ sich von Kompositionen zu neuen Werken inspirieren. In der Ausstellung finden sich zahlreiche Frauenporträts, die von vergangener, auch unerfüllter Liebe zeugen, oder Bildnisse seiner Frau Olda. Seine Beziehung zu Alma Mahler findet erst dramatisch geschildert, später voller Biss und Ironie Niederschlag in seiner Kunst. Dass Kokoschka es liebte, Kinder und Jugendliche in ihrer ungezwungenen Verhaltensweise wiederzugeben, führt seine Freude am Capriccio eindrücklich vor Augen.





