Feldherr und Feinschmecker - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Feldherr und Feinschmecker
Schon zu Lebzeiten war Lucius Licinius Lucullus für seinen Reichtum, seine Feste, seinen ausgesuchten Geschmack und seine stilbildenden Villen berühmt. Was man damals und auch später allerdings gerne unterschlug, waren seine Erfolge als Heerführer und sein Einsatz für die Republik.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Als Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) im Jahr 52 v. Chr. das politische Parkett in Rom für kurze Zeit hinter sich ließ, um sich – nach Art der römischen Eliten – in einer seiner Villen zu entspannen, stattete er auch dem Anwesen eines verstorbenen Freundes einen Besuch ab, um dort in der gewaltigen Bibliothek einige Bücher einzusehen, wie er dies schon viele Male getan hatte. Als er die Bibliothek erreichte, traf er auf Cato den Jüngeren (95–46 v. Chr.), der zufällig ebenfalls dort weilte und völlig in seine Lektüre vertieft war. Freudig begrüßten die beiden Politiker einander und begannen, sich angeregt zu unterhalten. Es war eine Begegnung, wie sie sich hier schon unzählige Male ereignet hatte – denn die Bibliothek war ein Ort, an dem sich die Gelehrten Roms jederzeit einfinden konnten, um zu recherchieren, zu lesen, Texte für den eigenen Besitz zu kopieren und um miteinander zu diskutieren. Auch der Besitzer der Villa hatte sich oft unter seine Gäste gemischt, war mit ihnen durch die wundervollen Gärten spaziert, hatte mit ihnen philosophiert und ihnen die erlesensten Speisen vorgesetzt, die das Römische Reich zu bieten hatte.
Aber Lucullus weilte nicht mehr unter den Lebenden. Vier Jahre zuvor war er ermordet worden. Gerüchte besagten, ein Freigelassener aus seinem Freundeskreis habe ihn im Schmerz unerwiderter Liebe vergiftet, aber Cicero und andere Weggefährten des Lucullus glaubten wohl keine Sekunde daran. In ihren Augen waren die Täter jene Männer, die auch ihnen selbst eines Tages den Tod bringen würden: die Feinde der Republik. Längst hatten diese Lucullus als raffgierigen und dekadenten Feind des Volkes diffamiert; seine großen Siege als Feldherr galten ihnen nichts. Persönliche Animositäten verfolgten Lucullus und seine Gleichgesinnten auch ins politische Abseits. In der neuen Zeit war für sie kein Platz.
Als Parteigänger Sullas wird Lucullus in innerrömische Machtkämpfe verwickelt
Schon in der Antike verband man Lucullus in erster Linie mit der Zurschaustellung von Luxus, vergaß dabei aber eine viel weiter gespannte Karriere, die in verschiedener Hinsicht beispielhaft für die Wertvorstellungen römisch-republikanischer Aristokraten war und die sich nicht zuletzt in Bibliotheken und auf Schlachtfeldern entfaltete.
Lucius Licinius Lucullus wurde um das Jahr 118 v. Chr. geboren. Sein Großvater gleichen Namens war der Erste aus der alten Familie der Licinier, der zum Konsul gewählt wurde. Lucullus’ Vater gleichen Namens brachte es dagegen nur bis zum Prätor; nach seiner Rückkehr aus Sizilien, wo er gegen aufständische Sklaven gekämpft hatte, wurde er wegen Ausbeutung der dortigen Bevölkerung angeklagt und nach Süditalien verbannt, wodurch Lucullus selbst zum Familienoberhaupt in Rom aufstieg.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Über Lucullus’ Bildungsjahre ist nicht viel bekannt; sie müssen aber ausgefüllt gewesen sein, denn Lucullus war später für seine ausgezeichneten Griechischkenntnisse und seine hohe Gelehrsamkeit bekannt, deren Fundament in dieser Zeit gelegt wurde, teilweise sicherlich unter dem Dach der einflussreichen Metelli-Familie, aus der seine Mutter stammte.
Kaum waren Lucullus und sein jüngerer Bruder Marcus dem Kindesalter entwachsen, da zogen sie gemeinsam gegen den Ankläger ihres Vaters vor Gericht, präsentierten sich als außerordentlich talentierte Rhetoren und erreichten mit erfundenen Vorwürfen den Schuldspruch. Die Brüder waren nun stadtbekannt, und Lucullus’ politische Karriere nahm auf spektakuläre Weise ihren Anfang. Im Krieg gegen die italischen Bundesgenossen diente er 90 und 89 v. Chr. als Militärtribun. Sein direkter Vorgesetzter war Lucius Cornelius Sulla (138–78 v. Chr.).
In dem gewalttätigen Konflikt zwischen zwei verfeindeten Lagern innerhalb der römischen Elite sollte Sulla kurz darauf zu einem der beiden wichtigen Protagonisten werden. Seine Feinde sammelten sich um Gaius Marius, seinen alten Vorgesetzten aus dem Krieg gegen den numidischen König Jugurtha. Ihre Stärke lag in der finanzwirtschaftlichen Macht umtriebiger Männer aus dem Ritterstand und in der Wortgewalt käuflicher Volkstribune. Zu Sullas Gefolgsleuten gehörten dagegen in erster Linie die Repräsentanten des alten Senatorenadels, zu denen auch Lucullus zählte. Als Sulla im Jahr 88 v. Chr. auf Rom marschierte, um seine Gegner zu vertreiben, war Lucullus an seiner Seite. Und nach der Wiederherstellung des Status quo begleitete er ihn auch in den Osten, denn Sulla hatte das organisatorische Talent und den rationalen Gleichmut des Lucullus zu schätzen gelernt; er nahm ihn als Quästor mit nach Griechenland, um seinen Krieg gegen König Mithridates VI. von Pontos (reg. 120–63 v. Chr.) vorzubereiten. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine enge Freundschaft, die durch die Heirat Sullas mit Lucullus’ Cousine noch bekräftigt wurde.
Während zu Hause in Rom wieder Sullas Feinde die Macht an sich rissen, konzentrierte sich der Feldherr nun vollständig auf seinen Krieg gegen den pontischen König, der in Kleinasien und in der Ägäis zahlreiche Städte in seinen Besitz gebracht und die dortige Bevölkerung zum Mord an 80 000 Italikern in ihren Gemeinden angestachelt hatte. Der Überlieferung zufolge erwies sich Lucullus als überaus nachsichtig gegenüber den von Rom abgefallenen Städten. Die Bürger von Charoneia schützte er beispielsweise vor harter Strafe. Wahrscheinlich tat er dies wegen seiner großen Liebe zu Griechenland. Er wurde mit Statuen geehrt – eine davon sogar in Delphi.
Um abgeschnitten von der Versorgung aus Rom die Truppen bezahlen zu können, sah sich Sulla gezwungen, Tempelschätze zu beschlagnahmen. Beide, Sulla und Lucullus, stellten jedoch sicher, dass die Tempel durch anschließende Landschenkungen entschädigt wurden, und Lucullus’ Beliebtheit litt nicht unter den Maßnahmen.
Von Griechenland aus sollte er nun weiter gen Osten reisen, um für Sulla bei den Verbündeten Roms eine Flotte zu sammeln. Der Quästor tat wie ihm geheißen und segelte Ägypten und der Levante entgegen, begleitet unter anderem von Antiochos von Askalon und weiteren Philosophen. Auf Rhodos konnte man ihm nicht helfen; ihm wurde gesagt, die stationierte Flotte werde zur Verteidigung der Insel benötigt. Auch auf Kreta erhielt er keine Schiffe. In der libyschen Kyrenaika überwinterte er, zog dann weiter nach Alexandria, wobei er sich der Angriffe kilikischer Piraten erwehren musste, und erreichte schließlich den ptolemäischen Königshof. Dort wurde er wie ein König mit großer Ehrerbietung empfangen – von äußerst angespannten Gastgebern, die hofften, Lucullus werde nicht auf der von König Ptolemaios X. testamentarisch festgelegten Übergabe Ägyptens an Rom bestehen. Nichts lag Lucullus ferner; Alexandria atmete auf. Aber Schiffe konnte Lucullus trotzdem nicht mitnehmen.
Vermutlich zunehmend besorgt segelte er weiter zu den Städten der kilikischen und syrischen Küste, wo sich endlich das Blatt wendete: Er bekam Schiffe – vermutlich weil die Städte hofften, dass Sulla nun auch die mit Mithridates verbündeten Piraten in ihre Schranken weisen würde. Lucullus täuschte eine Überwinterung auf Zypern vor, ließ dann aber nach Rhodos segeln, wo er von Sullas großen Siegen in der Schlacht erfuhr. Die Rhodier waren nun bereit, ihre Schiffe abzugeben, und so verfügte Lucullus über die Flotte, deren Aufstellung Sulla ihm übertragen hatte.
Lucullus erweist sich als fähiger General und besiegt Mithridates
Sullas Gegner, die viele seiner Gefolgsleute in Rom getötet hatten, versuchten sich an seiner Demontierung: Ein anderer Feldherr, der Konsul Valerius Flaccus, sollte ihn ablösen. Doch das Unternehmen schlug fehl. Viele der Soldaten, die mit Flaccus nach Osten zogen, liefen zu Sulla über. Lucullus machte sich nun mit seiner Flotte an die Befreiung der Ägäis-Inseln. Bald sah sich Mithridates zu Friedensverhandlungen gezwungen, mit dem Ergebnis, dass er die eroberten Gebiete zurückgeben und Reparationszahlungen leisten musste. Dann war der Krieg vorüber.
Während Sulla nach Italien zog, um abermals den Krieg mit seinen politischen Gegnern aufzunehmen, blieb Lucullus im Stab des Lucius Licinius Murena im Osten zurück. Tatsächlich war er es, der die von Sulla beschlossenen Maßnahmen in die Tat umsetzte, da Murena mit weiteren Kampfhandlungen – insbesondere gegen Piraten – beschäftigt war. Er erwies sich weiterhin als nachsichtig und großzügig im Umgang mit den Städten und knüpfte viele freundschaftliche Verbindungen. Gleichzeitig zog er die Wut italischer Spekulanten aus dem Ritterstand auf sich, die sich durch sein Tun in ihrem Vorhaben behindert sahen, die Ägäis und Kleinasien auszuplündern.
Nach getaner Arbeit kehrte Lucullus mit seinem Bruder nach Rom zurück. Da Marcus noch zu jung war, um ein Amt als Ädil zu übernehmen, die Brüder aber gemeinsam kandidieren wollten, wartete Lucullus ab, anstatt sich direkt selbst zu bewerben, was ihm als höchst selbstlos und nobel ausgelegt wurde. Entsprechend hatten die Brüder keine Probleme, sich schließlich gemeinsam zu Ädilen wählen zu lassen. Die Spiele, die sie organisierten, waren ein großer Erfolg; Besonderheiten waren die ersten Kämpfe zwischen Elefanten und Stieren in der Arena und eine drehbare Bühne im Theater.
Wegen seiner dem Bruder zuliebe gewählten Ämterpause wurde es Lucullus mit einer Sondererlaubnis zugestanden, sich schon im darauffolgenden Jahr zum Prätor wählen zu lassen. Sulla zog sich unterdessen ins Privatleben zurück. Dort schrieb er seine Autobiographie, mit deren Verbreitung er seinen Freund Lucullus betraute. Als er 78 v. Chr. starb, fiel die Vormundschaft für seine Kinder ebenfalls an Lucullus.
Dessen Karriere ist in den folgenden Jahren nicht vollständig zu erfassen. Er erhielt ein proprätorisches Kommando und anschließend die Statthalterschaft der Provinz Africa. Zurück in Rom wurde er zum Konsul gewählt – es war das Jahr 74 v. Chr., und ein neuer Krieg im Osten war zum Greifen nah, denn König Mithridates machte sich erneut daran, sein Reich zu erweitern. Lucullus und sein Amtskollege Marcus Aurelius Cotta wurden mit seiner Niederwerfung beauftragt.
Nachdem Cotta im Alleingang den Kampf aufgenommen und schwere Niederlagen erlitten hatte, wendete Lucullus’ Eingreifen das Blatt: Mithridates wurde mehrfach deutlich geschlagen und musste sich immer wieder vor den nachrückenden Römern zurückziehen – teilweise in großer Eile: Seine Frauen und Schwestern ließ er töten, damit sie nicht den Verfolgern in die Hände fielen.
Zurück in Rom verwehren ihm seine Gegner den verdienten Triumphzug
Lucullus versuchte, wie schon unter Sulla, die Städte und ihre Bevölkerung zu schonen, wo es nur ging, was ihm – mit Ausnahme von Amisos, das geplündert und niedergebrannt wurde – auch weitgehend gelang. Die mit Mithridates verbündeten Armenier unter König Tigranes II. schlug er mit seinen Legionen zudem in zwei großen Feldschlachten.
Bevor er allerdings des Sieges gänzlich sicher war, wurde er abberufen, nachdem man ihm bereits zuvor Stück für Stück Kompetenzen entzogen hatte und er den Krieg mit stetig schwindenden Mitteln hatte führen müssen. Die alten Gegner des Sulla-Lagers erstarkten und suchten nach Wegen, Lucullus ins Abseits zu drängen – dies taten sie im Bund mit einem vormaligen Gefolgsmann Sullas: Gnaeus Pompeius (106–48 v. Chr.).
Lucullus und Pompeius hatten sich wohl nie leiden können. Als sie einander zur Übergabe der Legionen trafen, beschimpften und beleidigten sich die beiden Befehlshaber aufs Heftigste. Pompeius unterstellte Lucullus, versagt zu haben, während Lucullus Pompeius vorhielt, er heimse ständig die Lorbeeren für Siege ein, die andere Männer für ihn errungen hätten.
Aber alle Wut half nichts. Lucullus musste den Großteil seines Heeres abgeben. Mit 1600 Mann kehrte er nach Rom zurück, wo ihm seine Gegner anschließend drei Jahre lang einen Triumphzug verwehrten. In den ihm noch verbleibenden zehn Jahren zwischen der Heimkehr und seiner Ermordung lebte er nun – zumindest teilweise – das Leben, für das er schon in der Antike berühmt werden würde. Als enger Freund Sullas und langjähriger Kriegsherr hatte er ein großes Vermögen angesammelt; außerdem war er ein Kenner von Kunsthandwerk, Architektur und Luxusprodukten aller Art, was es ihm ermöglichte, mithilfe seiner zahlreichen Kontakte im Osten ein höchst profitables Handelsunternehmen aufzubauen.
Als Gegner von Caesar und Pompeius gerät Lucullus in die Defensive
Mit seinem großen und wohl stetig wachsenden Vermögen ließ er nun Villen bauen – herrschaftliche Anwesen, die nicht nur teuer waren, sondern auch den exquisiten Geschmack des Besitzers unter Beweis stellten, allesamt in unvergleichlicher Lage: auf dem Pincio in Rom, auf dem Kraterrand eines fast vollständig im Meer versunkenen Vulkans am Eingang des Golfs von Neapel oder auf der Insel Nesis. Er züchtete Vögel und Fische – um sie vorzuzeigen, um sie zu servieren oder mit ihnen zu handeln. Er sammelte Kunst und Literatur, ließ einzigartige Gärten und Terrassen anlegen und pflanzte Obstbäume an, die es bislang in Italien nicht gab. Seine Gastmähler waren bald legendär. Was auch immer er kredenzte, wurde zum Standard der römischen Elite.
Im Geschichtswerk des Sallust (86–35 v. Chr.) – ein Parteigänger Julius Caesars, der die Beseitigung der Republik als notwendige Folge von Korruption und Dekadenz des Adels beschreibt – erscheint Lucullus als Paradebeispiel des luxusverliebten Abstiegs. Lucullus sei nach seiner Rückkehr gänzlich der Zerstreuung verfallen. Doch dem war nicht so. Gemeinsam mit Cicero, Cato und weiteren Senatoren versuchte er bis zuletzt, den Methoden des entstehenden Triumvirats aus Pompeius, Caesar und Marcus Licinius Crassus die Stirn zu bieten.
Erst als er von Caesars Schlägern öffentlich bedroht und erniedrigt wurde, gab er seinen Widerstand auf. Trotzdem sahen seine Gegner nach wie vor eine Gefahr in ihm. In der sogenannten Vettius-Affäre wurde öffentlich, dass Lucullus zu den Gegnern des Triumvirats gehörte, die mit einem fingierten Attentat auf Pompeius hatten diskreditiert werden sollen. Als Cicero ins Exil ging, bat Lucullus ihn, Rom nicht den Rücken zu kehren – vergebens. Und als auch Cato gehen musste, hatte der Senat keine starken Wortführer mehr. Es ist unklar, ob Lucullus von nun an ohne seine Weggefährten im Senat die Stellung hielt oder ob er sich gänzlich zurückzog. Seine Ermordung legt jedoch nahe, dass ihn zumindest die Triumvirn nie ganz abgeschrieben hatten.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Charkiw: Labor der Moderne
17. Juli 2026
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Charkiw zu einer blühenden Kunstmetropole. In experimentierfreudigen Räumen trafen europäischer Modernismus und…
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Ein Akt der Verzweiflung
17. Juli 2026
Am 13. August 1961 begannen DDR- Volkspolizisten und Soldaten in den frühen Morgenstunden mit der Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin. Aus dem, was mit…
Geschichte & Archäologie
Himmler, König Heinrich I. und der falsche Schädel
16. Juli 2026
Der Ostfrankenkönig Heinrich I. galt in der NS-Zeit als großes Vorbild und Reichsgründer. Doch stammt der 1937 gefundene Schädel wirklich von Heinrich I.?