Als Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) im Jahr 52 v. Chr. das politische Parkett in Rom für kurze Zeit hinter sich ließ, um sich – nach Art der römischen Eliten – in einer seiner Villen zu entspannen, stattete er auch dem Anwesen eines verstorbenen Freundes einen Besuch ab, um dort in der gewaltigen Bibliothek einige Bücher einzusehen, wie er dies schon viele Male getan hatte. Als er die Bibliothek erreichte, traf er auf Cato den Jüngeren (95–46 v. Chr.), der zufällig ebenfalls dort weilte und völlig in seine Lektüre vertieft war. Freudig begrüßten die beiden Politiker einander und begannen, sich angeregt zu unterhalten. Es war eine Begegnung, wie sie sich hier schon unzählige Male ereignet hatte – denn die Bibliothek war ein Ort, an dem sich die Gelehrten Roms jederzeit einfinden konnten, um zu recherchieren, zu lesen, Texte für den eigenen Besitz zu kopieren und um miteinander zu diskutieren. Auch der Besitzer der Villa hatte sich oft unter seine Gäste gemischt, war mit ihnen durch die wundervollen Gärten spaziert, hatte mit ihnen philosophiert und ihnen die erlesensten Speisen vorgesetzt, die das Römische Reich zu bieten hatte.
Aber Lucullus weilte nicht mehr unter den Lebenden. Vier Jahre zuvor war er ermordet worden. Gerüchte besagten, ein Freigelassener aus seinem Freundeskreis habe ihn im Schmerz unerwiderter Liebe vergiftet, aber Cicero und andere Weggefährten des Lucullus glaubten wohl keine Sekunde daran. In ihren Augen waren die Täter jene Männer, die auch ihnen selbst eines Tages den Tod bringen würden: die Feinde der Republik. Längst hatten diese Lucullus als raffgierigen und dekadenten Feind des Volkes diffamiert; seine großen Siege als Feldherr galten ihnen nichts. Persönliche Animositäten verfolgten Lucullus und seine Gleichgesinnten auch ins politische Abseits. In der neuen Zeit war für sie kein Platz.





