Insgesamt wurden allein während des Ersten Weltkriegs rund 28,7 Milliarden Briefe und Karten von den Schlachtfeldern in die Heimat und in umgekehrter Richtung verschickt. In ihnen berichteten die Soldaten über ihre Stimmung, über kleine Begebenheiten und kommentierten – wenn auch meist verklausuliert – die politische Lage.
Fast 800 Briefe und Karten
In vielen herkömmlichen Feldpost-Editionen finden sich nur ein oder zwei Briefe aus derselben Feder, wie Historiker Alexander Kraus von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) erklärt. Sie geben daher nur wenig Einblick in die Stimmung und die Ansichten der einzelnen Soldaten. Im Gegensatz dazu haben nun rund 60 Studierende am Historischen Seminar der Universität Münster die Feldpostbriefe von nur zwei Soldaten über deren gesamte Kriegszeit hinweg analysiert und in etwa sechzig themenspezifischen Kommentaren ausgewertet.
Die Briefe stammen von Heinrich Echtermeyer aus Halverde im Tecklenburger Land, der im Ersten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt war und von August Jasper aus dem nicht weit entfernten Kattenvenne, der an der Westfront diente. Insgesamt sind umfasst das Archiv mehr als 700 überwiegend lange Briefe und Bildpostkarten des damals 28-jährigen Jasper aus vier Kriegsjahren an seine Ehefrau Bernhardine und seine beiden Kinder. Dazu kommen rund 60 Feldpostkarten und wenige Briefe des damals 41-jährigen Landwirts Heinrich Echtermeyer, die er an seinen Bruder Bernhard schrieb.
Meinungswechsel an der Front
Diese die Jahre des Krieges überspannende Feldpost erlaubt neue Einblicke in das Seelenleben der Soldaten – auch wenn man dazu meist zwischen den Zeilen lesen muss. So zeigen die Briefe von August Jasper den Wandel seiner Einstellung zum Krieg und insbesondere der Regierungen. Steht am Anfang des Krieges noch der Patriotismus im Vordergrund, äußert der Soldat 1917 unverhohlene Kritik an der politischen Elite – insbesondere der Deutschen Vaterlandspartei, die er als „Kriegsverlängerungspartei” bezeichnet.
“Die Briefe kontrastieren die offizielle Kriegsberichterstattung durch individuelle Perspektiven auf Frontalltag und Kriegserleben”, erklärt Alexander Kraus, wissenschaftlicher Mitarbeiter des “Schreiblabors Geschichte” der Universität Münster. “Sie lassen uns teilhaben an Stimmungs- wie Meinungswechseln, kehrten doch zahlreiche Soldaten damals als überzeugte Kriegsgegner zurück.”
Die Briefe sind innerhalb des Blogportals “Schreiben vom Krieg” seit Anfang Juni dieses Jahres zu finden. Jeweils montags, mittwochs und freitags werden weitere Ergebnisse der Quellenanalysen in etwa zweieinhalb- bis fünfseitigen Kommentaren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Blogportal arbeitet nach eigenen Angaben nicht-kommerziell für die deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften.





