Die Sinai-Halbinsel liegt zwischen dem Golf von Suez und dem Golf von Akaba und bildet eine Brücke zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel. Obwohl der Sinai von Wüste bedeckt und nur dünn besiedelt ist, ist er seit Jahrtausenden umkämpft. Vor allem die Herrscher des alten Ägypten versuchten immer wieder, den Sinai zu erobern. Denn auf der Halbinsel fanden sich reiche Bodenschätze, darunter Kupfer, Türkise und Malachit.
Schon vor mehr als 5000 Jahren stießen deshalb immer wieder ägyptische Truppen auf den Sinai vor und kolonisierten ihn. “Die Motivation der altägyptischen Expeditionen in den Südwesten des Sinai lag daher nicht nur in einer abstrakten Ausweitung ihres Territoriums”, erklären Mustafa Nour El-Din vom Ägyptischen Antikenministerium und Ludwig Morenz von der Universität Bonn. Von der frühen Präsenz der Ägypter zeugen Relikte alter Bergwerke und zahlreiche Felsbilder und Inschriften in drei Tälern im Südwesten der Sinai-Halbinsel: Wadi Ameyra, Wadi Humur und Wadi Maghara. Die in den dortigen Felsbildern vorkommenden Königsnamen reichen von Herrschern des prädynastischen Ägypten über Könige der 1. Dynastie bis zu Pharaonen des Neuen Reiches.

Szene einer Unterjochung
Ein weiteres, eindrucksvolles Zeugnis der ägyptischen Präsenz und Herrschaftsansprüche auf dem Sinai haben nun Morenz und El-Din im Wadi Khamila entdeckt. Dieses Tal liegt rund 35 Kilometer vom Roten Meer entfernt und rund sieben Kilometer südöstlich des Hathortempels von Serabit el-Khadim, einem der wichtigsten altägyptischen Zentren auf dem Sinai. An Felswänden des Wadi Khamila stießen die Archäologen auf mehrere Inschriften und Figuren ägyptischer Herkunft. „Das Wadi Khamila war in der Forschung bisher nur im Zusammenhang mit rund 3000 Jahre jüngeren nabatäischen Inschriften bekannt“, sagt Morenz. Im Gegensatz dazu stammen die jetzt neu entdeckten Felsinschriften und Felsbilder aus der Zeit vor 5000 Jahren und damit aus der prädynastischen oder frühen dynastischen Ära Ägyptens.
Das Besondere an den neu entdeckten Felsbildern sind ihre Motive: Eines der Felsbilder zeigt einen voranschreitenden Mann im Lendenschurz mit triumphierend erhobenen Armen. “Indem er seine Arme erhebt, signalisiert er Sieg und Dominanz”, erklären Morenz und El-Din. Hinter dieser Figur ist ein Boot zu sehen – ein Motiv, das in Darstellungen dieser Zeit oft im Kontext eines Herrschers verwendet wurde. “Das Boot symbolisiert die Eroberung eines Territoriums im Auftrag des ägyptischen Herrschers”, so die Archäologen. Das Entscheidende an dieser Szene ist jedoch eine zweite Figur. “Dieser Mann kniet vor der Person mit den triumphierend erhobenen Armen. Seine Arme sind hinter dem Rücken gefesselt und ein Pfeil ragt aus seiner Brust”, beschreiben die Forscher das Bild. Die Bewohner der Halbinsel Sinai hatten damals noch keine Schrift, keine staatliche Organisation und waren den Ägyptern auch militärisch klar unterlegen. Diese Darstellung vermittle damit eindeutig die gewaltsame Unterwerfung der lokalen Bevölkerung, so die Forscher.
Gott als Schutzpatron territorialer Machtansprüche
Bei dem Motiv könnte es sich zudem um eine der ältesten bekannten Erschlagungsszenen mit begleitender Inschrift handeln. Denn direkt über dieser Szene sind Hieroglyphen-ähnliche Symbole in den Fels geritzt. Sie liefern weitere Informationen. “Die Interpretation dieser Inschrift ist schwierig, aber das erste Zeichen könnte als grobes, aber relativ klares Symbol für den Gott Min verstanden werden”, berichten die Archäologen. Dieser Gott galt im frühen Ägypten als Schutzgott bei Eroberungen neuer Territorien außerhalb des Niltals. “Er war daher auch der göttliche Patron für die Rohstoff-Expeditionen der Ägypter auf den Sinai”, so Morenz und El-Din.
Die Inschrift aus dem Wadi Khamila demonstriert damit auch einen religiös legitimierten Anspruch der Ägypter auf den Sinai und seine Bodenschätze. “Das Min-Zeichen gibt der bildlichen Darstellung der ägyptischen Dominanz einen religiösen Beigeschmack und unterstreicht gleichzeitig die kulturelle Identität Ägyptens auch in diesem Randgebiet des Reichs”, schreiben die Forscher. Auch in einer der schon zuvor bekannten Fundstätten altägyptischer Felsbilder auf dem Sinai, dem Wadi Ameyra, gibt es Bezüge zum Gott Min. „Zusammen mit der nun entdeckten Felszeichnung im Wadi Khamila lässt das eine Art koloniales Netzwerk der Ägypter erahnen“, sagt Morenz. Noch steckt die Analyse der neuentdeckten Felsbilder und Inschriften erst in ihren Anfängen. Die Archäologen planen aber bereits, die Gegend weiter zu erkunden und nach weiteren Graffiti aus dieser Zeit zu suchen.
Quelle: Universität Bonn; Fachartikel: Blätter Abrahams 25, 2025





