Heimliche Einblicke in ein madonnenverziertes Wohnzimmer irgendwo in Mitteleuropa: Der Raum, getaucht in goldenes Licht, wirkt still und andächtig – als könnten die Bilder an den Wänden mehr erzählen als jedes gesprochene Wort. Doch kaum überschreitet man die Schwelle, öffnet sich eine neue Welt: das geschäftige Treiben eines Istanbuler Markts, erfüllt von Gewürzduft und Stimmengewirr, das die Sinne betäubt. Dann gleitet man weiter, lautlos in einer Gondel durch das schimmernde Blau Venedigs, während Paläste vorbeiziehen und die Sonne auf den Wellen tanzt. Schließlich türmt sich der Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge vor einem auf – ein kunstvoller Mikrokosmos aus heiligen und weltlichen Miniaturszenen, durchzogen vom Duft frischen Gebäcks und der Magie eines Alltags, der ins Wunderbare kippt.
Wer schon immer davon träumte, einmal quer durch Europa zu reisen, aber nie den richtigen Moment gefunden hat, kann in Berlin-Dahlem mit einem Interrail-Ticket der anderen Art ohne Kofferpacken auf die Reise gehen. Im Museum Europäischer Kulturen (MEK) lässt sich Europa in all seiner Vielfalt durchwandern. Dort materialisieren sich Bräuche, Geschichten, Alltagsleben aus verschiedensten Regionen Europas – griechische Taufkleider neben rumänischen Hochzeitsfotos, venezianische Masken, kurdische Stickereien im Dialog mit deutschen Fastnachtstrachten. In enger Zusammenarbeit mit europäischen Communitys und Initiativen entsteht ein lebendiger Dialog, der nationale und sprachliche Grenzen hinter sich lässt.
Um das MEK richtig einzuordnen, braucht es einen Blick auf seine wechselvolle Entstehungsgeschichte: Alles begann 1859 mit einem unscheinbaren Vitrinenschrank mit der Beschriftung „Europa“ im Neuen Museum, der heute als Urzelle der Sammlungspräsentation des MEK gilt. So lassen sich die Wurzeln einzelner Sammlungsbestände bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, als Rudolf Virchow das Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes gründete. Im hegemonialen Geiste des „Rettungsgedankens“, das immaterielle Erbe sogenannter nichtschriftlicher Kulturen zu tradieren, wurde die volkskundliche Tradition in Berlin begründet.
Ab Mitte der 1930er Jahre nahm die Volkskundliche Sammlung als Staatliches Museum für deutsche Volkskunde unter Direktor Konrad Hahn eine völkisch-rassistisch und ideologisch verbrämte Ausrichtung an, um den Fortbestand des Museums zu sichern. Im Zweiten Weltkrieg gingen ob massiver Zerstörung rund 80 Prozent der Bestände verloren.
Nach 1945 entstanden in Ost- und Westberlin zwei getrennte Volkskundemuseen, die beide zunächst ländliche Lebenswelten in den Mittelpunkt stellten, später aber um urbane Alltagskulturen erweitert wurden. Erst mit der Wiedervereinigung der beiden Teilmuseen 1992 zum Museum für Volkskunde und dessen Zusammenlegung mit der Abteilung Europa des damaligen Museums für Völkerkunde wurde 1999 das MEK in seiner heutigen Form gegründet.





