„Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern lange gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.” Seit beinahe 2000 Jahren haben diese Zeilen aus dem Evangelium nach Matthäus die Menschen beschäftigt, und trotzdem ist die Frage unbeantwortet geblieben, welchem “Stern” die Weisen wohl gefolgt sind. Es gibt eine Fülle von Erklärungen – allein im vergangenen Jahrhundert sind mehr als 200 fundierte Beiträge dazu veröffentlicht worden –, doch die meisten von ihnen werden der biblischen Geschichte nicht gerecht. Viele Autoren gehen von einem tatsächlichen Himmelsereignis aus: oft von der Erscheinung einer Supernova (einem explodierenden Stern), manchmal auch von einer besonders beeindruckenden Sternenkonstellation oder einem Planeten. Einige Autoren nennen das Phänomen des Nordlichts, andere meinen, in dem Stern von Bethlehem den Planeten Venus zu erkennen. Auch interessante Kombinationen mehrerer Himmelsphänomene werden in Betracht gezogen – etwa die Konjunktion zweier oder mehrerer Planeten (eine Konstellation, in der ein Planet in der Verbindungslinie von der Erde zu dem anderen Planeten steht) oder das Zusammentreffen einer bestimmten Planetenkonjunktion mit einem Kometen. Ebenso das Zodiakallicht (eine schwache Leuchterscheinung über den Stellen des Sonnenauf- bzw. untergangs), das in dunklen Nächten am Horizont pyramidenförmig aufragt und das entsteht, weil sich Sonnenlicht an feinen Staubpartikeln reflektiert. Eine zweite Kategorie der Veröffentlichungen läßt sich mit der Tendenz umschreiben, nicht den Weg wissenschaftlicher Betrachtung zu beschreiten, sondern die Erklärung der berühmten Verse aus dem Matthäus-Evangelium in einem übernatürlichen Phänomen zu suchen. In einer dritten Kategorie wird die beschriebene Erscheinung dann weder als ein natürliches Ereignis noch als übernatürlich angesehen. Die Autoren betonen vielmehr, daß der Evangelist – wie zur damaligen Zeit und in vielen Kulturen üblich – seinen Bericht als Geschichte erzählte; bei derartigen symbolhaften Darstellungen (so etwa auch in der Schöpfungsgeschichte oder bei der Sonnenfinsternis am Karfreitag) sei es müßig, nach der wissenschaftlichen Wahrheit zu fragen, die sich hinter den Bildern verberge. Die Geschichte über die besonderen Umstände der Geburt Jesu stelle zudem eine Adaption wichtiger Mythen antiker Religionen dar. Welcher Erklärungsweise die Verfasser zuneigen, hängt weitgehend davon ab, ob sie die Fragen aus der Sicht des Astronomen, des Theologen oder des Historikers stellen. Naturwissenschaftler schauten früher in die Tabellen über die Bewegungen der Planeten, die Planetentafeln, und durchsuchten die Chroniken nach ungewöhnlichen Phänomenen (etwa Kometen oder “Gaststernen”, wie man die Supernovae früher nannte), die sie dann mit den Beschreibungen des Matthäus verglichen (heute wird schlicht zurückgerechnet; jedes Planetarium kann beispielsweise auf die Zeit um Jesu Geburt “zurückgefahren” werden). Origenes etwa, der Leiter der berühmten Katechetenschule in Alexandria und erste große Gelehrte unter den griechischen Kirchenvätern, versuchte im Jahre 248 den Stern von Bethlehem auf natürliche Weise zu erklären: “Wir glauben, daß der Stern, der im Osten erschien…, zu den Kometen oder den Meteoren gerechnet werden muß, die gelegentlich vorkommen.” Spätere Interpreten des Matthäus-Textes vermuteten, die frühen Christen hätten für ihre Überzeugung, Christus sei der Sohn Gottes, ein Himmelsereignis gesucht, das mit der Geburt Jesu verknüpft werden konnte. Zu den ersten Gelehrten, die in diesem Zusammenhang charakteristische Konjunktionen der Planeten zurückrechneten und feststellten, daß die enge Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahre 7 v. Chr. besonders eindrucksvoll gewesen sein muß, gehörte der Mathematiker und Astronom Johannes Kepler (1571–1630). Wenngleich Kepler glaubte, daß diese Planetenkonjunktion das Erscheinen Christi ankündigte, hielt er den Stern von Bethlehem selbst für etwas Göttliches. Als im Herbst 1604 eine große Supernova sichtbar wurde, meinte er in einem ähnlichen Himmelsphänomen den biblischen Stern zu erkennen. Spätere Befürworter einer natürlichen Erklärung des biblischen Textes, wie etwa der Historiker David Hughes, haben über die Berechnung kosmischer Konstellationen hinaus das historisch-kulturelle Umfeld betont, in dem solche Himmelsphänomene gesehen wurden. In der Kosmologie des Zoroaster (Zarathustras) etwa, die sich während des ersten Jahrhunderts n. Chr. im römischen Reich großen Zuspruchs erfreute, kam besonderen Ereignissen am Sternenhimmel eine hohe Bedeutung zu. Zoroaster sagte eine zyklische Auseinandersetzung zwischen den Kräften des Lichts und der Dunkelheit voraus; am Ende würden die Kräfte des Lichts die Oberhand gewinnen, der Tag der Erlösung kommen, die Bestrafung des Bösen folgen und die Herrschaft des einen, wahren Gottes beginnen. In der Wiederholung bestimmter Planetenkonjunktionen sah man den Beginn eines neuen Zeitalters und einen bedeutsamen Wendepunkt im zyklischen Verlauf der Weltgeschichte. Vor diesem Hintergrund sehen Hughes und andere Wissenschaftler in dem Umstand, daß es im Jahre 7 v. Chr. im Sternbild der Fische dreimal eine Konjunktion von Jupiter und Saturn gab, eine mögliche Erklärung für das von Matthäus beschriebene Himmelsphänomen; die Geburt des Jesus von Nazareth wird folglich auf den Oktober desselben Jahres gelegt.





