Die Mittelsteinzeit vor rund 10.000 bis 5.000 Jahren umfasst in Europa die Periode und Kulturen, die vor der Einführung der Landwirtschaft noch als Jäger und Sammler lebten. Entlang der Meeresküsten Nordeuropas bildete dabei der Fischfang eine der Hauptnahrungsquellen der damaligen Bevölkerung. Bisher jedoch hielt man diese frühen Kulturen für nomadisch – ausgehend von dem Gedanken, dass diese Menschen dem Vorkommen der Fische und auch von pflanzlichen Nahrungsmitteln durch Umherziehen folgten.
200.000 Fischknochen
Doch ein Fund in Südschweden widerspricht nun dieser gängigen Annahme. Denn als Adam Boethius von der Universität Lund und seine Kollegen die Überreste eines mittelsteinzeitlichen Lagers untersuchten und ausgruben, entdeckten sie ungewöhnliche große Mengen von Fischknochen. “Das war wirklich seltsam”, sagt Boethius. “Wegen all dieser Knochen wussten wir schon, hier geht etwas Ungewöhnliches vor.”
Weitere Grabungen enthüllten dann eine längliche Grube, in der mehr als 200.000 Fischknochen lagen. In Frischgewicht umgerechnet entspricht dies mehr als 60 Tonnen Fisch, wie die Forscher berichten. Die Gräten stammen ihren Angaben nach von Süßwasserfischen und mussten vor rund 9200 Jahren von den Menschen absichtlich in dieser Grube deponiert worden sein.
Baumrinde und Pfostenlöcher
Entscheidende Hinweise darauf gaben den Archäologen Stücke von Baumrinde, die sie zwischen den Fischresten fanden. Sie deuten darauf hin, dass die Steinzeitmenschen diese Fische damals in der Grube fermentierten und so haltbar machten. Weil ihnen damals noch kein Salz zum Einpökeln zur Verfügung stand, legten sie dafür die Fische zusammen mit Kiefernrinde in Robbenfett ein, wie die Forscher berichten.
Sie entdeckten entlang der Grube Löcher für Pflöcke, die vermutlich damals genutzt wurden, um die Fischvorräte mit festgezurrten Robbenfellen abzudecken. So geschützt, fermentierte die von der Rinde freigesetzte Säure die Fischkadaver und machte sie haltbar. “Das ist eine einzigartige Entdeckung, so etwas haben wir noch nie zuvor gefunden”, sagt Boethius. Denn unter normalen Bedingungen sind Fischgräten viel zu fragil, um neun Jahrtausende zu überdauern. Doch der Lehmboden an diesem Fundort trug dazu bei, die fossilen Fischknochen zu erhalten.
So weit entwickelt wie der Nahe Osten?
Die Entdeckung dieses Fischlagers wirft nach Aussagen der Forscher ein ganz neues Bild auf die Bewohner Nordeuropas in der Mittelsteinzeit. Denn die Vorratshaltung von so viel Fisch spricht nicht nur dafür, dass diese Menschen bereits sesshaft waren. Sie enthüllt auch weitaus fortgeschrittenere Kulturtechniken, als man es ihnen bisher zugetraut hätte. “Der Fund einer Fischfermentation in so großem Maßstab deutet darauf hin, dass damit eine große Gemeinschaft ernährt wurde”, sagt Boethius.





