Im Jahr 1940 zwangen die nationalsozialistischen Besatzer Polens die jüdische Bevölkerung Warschaus, in einen kleinen Stadtteil umzuziehen. Mehr als 450.000 Menschen wurden auf den nur 3,4 Quadratkilometern Fläche des Warschauer Ghettos zusammengedrängt. “Mit schlechten Bedingungen, allgegenwärtigem Hunger und einer Populationsdichte fünf- bis zehnmal höher als in jeder heutigen Stadt war das Warschauer Ghetto damals der perfekte Nährboden für eine Seuche”, sagt Erstautor Lewi Stone von der Universität Tel Aviv.
Flecktypus-Ausbruch im Ghetto
Die Seuche ließ nicht lange auf sich warten: Schon bald nach Abriegelung des Warschauer Ghettos brach Fleckfieber aus. Diese vom Bakterium Rickettsia prowazekii verursachte und von Läusen übertragene Infektion wurde wegen ihres häufigen Auftretens in Kriegen oder Hungersnöten früher auch als Kriegstyphus, Hungertyphus oder einfach Typhus bezeichnet. Typisch sind hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Hautausschläge, in 40 Prozent der Fälle endet unbehandeltes Fleckfieber tödlich. Das war auch im Warschauer Ghetto der Fall: Im Verlauf des Jahres 1941 starben allein 30.000 Menschen direkt an der Seuche, tausende weitere waren durch den Hunger so geschwächt, dass ihr Körper die Infektion nicht verkraftete.
“Wenn man 400.000 arme Seelen in einem Distrikt konzentriert, ihnen alles wegnimmt und nichts dafür gibt, dann erschafft man Typhus. In diesem Krieg ist das Fleckfieber das Werk der Deutschen”, sagte der damals ebenfalls im Ghetto eingesperrte Bakteriologe und Nobelpreisträger Ludwik Hirszfeld. Für die Nazis dagegen war die Seuche eine willkommene Rechtfertigung für die Abriegelung des Ghettos: “Die Juden sind die Hauptträger und Verbreiter der Typhus-Infektion”,, konstatierte Jost Walbaum vom deutschen Generalgouvernement im Oktober 1941. “Es gibt nur zwei Wege, dies zu lösen: Entweder wir verurteilen die Juden im Ghetto zum Tod durch Hunger oder wir erschießen sie.” Die Verantwortlichen entschieden sich für erstes, bis sie dann 1942 das Ghetto räumten und die jüdischen Bewohner in Konzentrationslager transportierten.
Das Wunder vom Herbst 1941
Doch in all diesem Elend passierte im Herbst 1941 etwas Unerwartetes: “Im späten Oktober 1941, zu Beginn des Winters, begann die Flecktypus-Epidemie abzuebben und kollabierte”, berichten Stone und seine Kollegen. “Dieser Wandel war völlig unerwartet, weil sich die Fleckfieber-Ausbreitung im Winter normalerweise beschleunigt.” Der Ghetto-Chronist Emmanuel Ringelblum notierte damals, dass die Fallzahlen um 40 Prozent zurückgegangen waren. “Das war zu jener Zeit absolut unerklärlich und viele hielten es für ein Wunder”, berichtet Stone. Doch was war der Grund für dieses wundersame Stoppen der Seuche?





