Die Flucht begann, wie in den ersten beiden Kapiteln dargestellt wird, für viele schon vor dem Ausbruch des Krieges. Das Material gibt die Ausgrenzungs-und Verfolgungswut der Nationalsozialisten und die extremen Auswirkungen auf die Betroffenen wieder. Schon die Nürnberger Rassegesetze von 1935 hatten Teile der jüdischen Gemeinschaft und politische Gegner der Nationalsozialisten als Vorboten noch größeren Übels erkannt und den Entschluss zum Auswandern gefasst. Spätestens mit der „Reichskristallnacht“ und dem Anschluss Österreichs 1938 wurde die Intention des Regimes offenbar, weshalb immer mehr Menschen versuchten, sich in das (zunächst) sichere Ausland zu retten. Die Emigration wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt durch Quotenregelungen, finanzielle Hürden und die Bestimmungen deutscher Behörden bereits erheblich erschwert. Bevorzugtes Ausreiseziel war, wie aus den Briefdokumenten ersichtlich wird, neben Palästina und den USA das Britische Königreich. Als 1940 eine deutsche Invasion in England immer wahrscheinlicher wurde, hielt die britische Regierung die ausländischen Flüchtlinge als „enemy aliens“ in Internierungslagern fest. Im Regelfall wurden die betroffenen Personen allerdings nach einem gewissen Zeitraum wieder aus der Haft entlassen. Der Inhalt der Postsendungen, die das Lager erreichten bzw. verließen, macht dabei auf eindrucksvolle Weise die paradoxe Lebenssituation derjenigen deutlich, die vor dem NS-Regime geflohen waren und sich nun in ihrem Zufluchtsland erneut als ausgegrenzte Minderheit wiederfanden.
Kaczynski und Brinson beschreiben anhand der postalischen Dokumente eindrücklich, wie Familienangehörige und Freunde über den brieflichen Austausch Kontakt zueinander hielten. Die Briefinhalte ermöglichen einen Einblick in die Lebenssituation, die Not, aber auch die Hoffnung von Versender und Empfänger. Deutlich wird dies etwa, wenn Geflüchtete ihre Angehörigen um die Zusendung von Geld baten oder sich nach dem Verbleib bestimmter Personen erkundigten. So waren die Briefe für viele ein moralischer Rettungsanker in einer höchst unsicheren Zeit. Die Nachrichtenübermittlung über die Hilfsorganisation des Roten Kreuzes war dabei die meistgenutzte Möglichkeit der Kommunikation. Die Briefe waren allerdings auf 25 Wörter beschränkt und kamen oft erst nach Wochen beim Empfänger an. Das Reisebüro Thomas Cook entwickelte daher einen Briefverkehr mit verdeckten Adressen (Undercover Mail), bei welchem die Versendungszeit verkürzt und die Textlänge weniger eingeschränkt wurde.
Die Autoren schildern auch ernüchternde Beispiele der Briefgeschichte, etwa wenn Briefe mehrmals um den Erdball reisten, um am Ende dennoch nicht beim Empfänger anzugelangen. Die Akribie, mit der Kaczynski und Brinson den Weg einzelner Briefe und der daran beteiligten Personen nachzeichnen, ist bemerkenswert. Dass dabei nicht nur Empfänger und Versender und ihre Einzelschicksale dargestellt, sondern auch der Postverkehr selbst in Zeiten der Kriegswirren erläutert wird, macht das Buch zu einer lesenswerten Lektüre.





