Eiszeitliche Tierknochen – mit Bearbeitungsspuren?
Säbel- und Dolchzahnkatzen, Riesenhyänen, Flusspferde und Elefanten – die Fossilfundstelle Untermaßfeld im thüringischen Werratal ist einzigartig für die Zeit vor gut einer Million Jahre. “Die Vielfalt der über 17.000 geborgenen Funde reicht vom winzigen Froschskelett bis hin zum größten Geparden der Erdgeschichte”, berichtet Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar. Diese Tierknochen geben einen einzigartigen Blick in die Lebenswelt der frühen Eiszeit – lange bevor Menschen in diese Gegend kamen.
Oder doch nicht? Vor Kurzem erschien im Fachjournal “Journal of Human Evolution” eine Studie, die Anderes zu belegen schien. Die Autoren präsentierten einige Tierknochen aus der Thüringer Fundstelle, die Spuren menschlicher Bearbeitung tragen sollten. Ihrer Ansicht nach war dies der Nachweis für eine Anwesenheit des frühen Menschen vor etwa einer Million Jahre in Mitteleuropa – rund 200.000 Jahre früher als bisher angenommen.
Natur statt Menschenwerk
Inzwischen jedoch haben Kahlke und seine Kollegen die in der Studie als “Sensationsfund” präsentierten Knochen einer näheren Untersuchung unterzogen. Denn sie hatten wohlbegründete Zweifel an den Schlussfolgerungen der Autoren und an den Fundstücken. “Wir graben seit den 1970er Jahren in Untermaßfeld und kommen auf insgesamt 90 Monate Bergungsaktivität. Spuren fossiler Hominiden sind uns allen noch nie begegnet”, sagt Kahlke.
Und tatsächlich: “Die archäologischen Untersuchungen zeigen deutlich, dass es sich bei den beschriebenen Knochen und Steinen weder um menschliche Werkzeuge handelt, noch dass die Stücke Bearbeitungsspuren aufweisen”, berichtet Kahlke. Die als menschengemachte Schnitt- und Hammerspuren beschriebenen Marken an den Tierknochen erwiesen sich bei genauer Betrachtung als Folgen von Wurzelätzungen, Fraß von Raub- und Nagetieren sowie unsachgemäßer Bergung. Der Schluss, es habe damals in dieser Gegend schon Menschen gegeben, sei daher falsch – oder lasse sich zumindest nicht aus diesen Fundstücken ableiten, so die Forscher.
Fossilien waren gestohlen
Doch es kommt noch dicker: Die in der Studie präsentierten Tierknochen gelangten offenbar noch dazu auf fragwürdige Weise in die Hände der Autoren. Angeblich sollen sie aus einer alten DDR-Sammlung stammen. Aber Kahlke und sein Team haben einige dieser Knochen nun wiedererkannt – als erst vor wenigen Jahren ausgegrabene Fundstücke. “Wir dokumentieren die Grabung in Untermaßfeld gewissenhaft mit täglichen Fotoaufnahmen und können daher mit Sicherheit sagen, dass die analysierten Fossilien erst im Zeitraum 2009 bis 2012 aus der Grabungsfläche gebrochen wurden”, sagt John-Albrecht Keiler, Senckenberg-Grabungsleiter in Untermaßfeld.





