Dreizehn Kolonien in Nordamerika bildeten vor fast 250 Jahren die ersten „Vereinigten Staaten“. Sie hatten sich gleich zu Beginn des Unabhängigkeitskriegs unter dem militärischen Anführer und späteren ersten US-Präsidenten George Washington (1732–1799) von der britischen Krone losgesagt. Obwohl die Besatzungstruppen vor den Toren Philadelphias standen, proklamierten die Kolonien am 4. Juli 1776 einstimmig ihre Unabhängigkeit, vier Tage später wurde die Erklärung der Bevölkerung offiziell bekannt gemacht.
Für diesen Anlass kam eine Glocke zum Einsatz, die 20 Jahre zuvor im Auftrag der Pennsylvania Provincial Assembly von der Londoner Firma Lester and Park gegossen worden war. Die Engländer lieferten jedoch metallenen Schrott, der nur Misstöne wiedergab. Schon nach den ersten Klöppelschlägen traten Risse auf, die Glocke musste zweimal eingeschmolzen und neu gegossen werden. Auch danach war der Klang nicht perfekt, nur „zufriedenstellend“, wie es hieß. Erst viel später ergaben Analysen, dass der Metallkörper wegen der fehlerhaften Legierung – zu viel Zinn, zu wenig Kupfer – sehr spröde war.
Am Tag der Unabhängigkeitserklärung läuteten in Philadelphia angeblich alle Glocken, doch ausgerechnet die Liberty Bell wird in den Aufzeichnungen nirgendwo erwähnt. Der mögliche Grund: Die Stadtväter hatten beschlossen, das Symbol ihrer Freiheit vor den Briten in Sicherheit zu bringen. Neun Monate lang wurde sie in den Gemäuern der Zion German Reformed Church in Allentown versteckt und erst nach dem Rückzug der Briten im Juni 1778 zurück nach Philadelphia gebracht.
Den Namen „Liberty Bell“ verdankt die Glocke ihrer eingravierten Inschrift: „Verkündet Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner.“ Dem Anspruch wurden die USA nie ganz gerecht: Indianische Ureinwohner und die lange versklavte schwarze Bevölkerung werden bis heute diskriminiert.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Liberty Bell endgültig verstummt, ein genaues Datum ist nicht überliefert. Ihr Markenzeichen ist nach wie vor ein breiter, irreparabler Riss, den rund 90 Jahre Einsatz im Klangkörper hinterlassen haben. Die US-Historikerin Constance M. Greiff sah gerade in der eher pannen- denn glorreichen Geschichte der Glocke „ihre nahezu mystische Anziehungskraft“ und ihre starke Symbolik für Freiheit und Unabhängigkeit verborgen: „Wie unsere Demokratie ist sie fragil und unvollkommen, aber sie hat Bedrohungen überstanden und Bestand gehabt.“
Die Parabel könnte aktueller nicht sein: Möge die Demokratie der USA die Bedrohungen der Trump-Ära überstehen und noch lange Bestand haben.
Autor: Rudolf Gruber





