Die Kirchenhistorikerin Karen King von der Harvard-Universität hatte das koptisch-ägyptisches Papyrus-Fragment, das die Größe einer EC-Karte hat, entdeckt. Sie behauptete, auf die Frauen im Urchristentum falle dadurch ein neues Licht, auch sie könnten nämlich Jünger Jesu gewesen sein. In der vermeintlichen Quelle soll Jesus von „Maria“ als „meiner Frau“ gesprochen und sie als „meine Schülerin“ bezeichnet haben. Hatte eine Frau womöglich doch beim letzten Abendmahl unter den Jüngern gesessen?
Das Papyrus-Fragment habe sich nun als Fälschung herausgestellt, sagt Christian Askeland, Gastforscher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Zu Hilfe kam ihm ein zweites angeblich antikes Papyrus-Fragment aus den ins Internet gestellten Forschungsmaterialien der Entdeckerin, das von derselben Quelle stammt, in ähnlicher Weise aufgebaut ist und von dessen Existenz man schon länger wusste, ohne aber Bilder oder eine genaue Beschreibung von ihm zur Verfügung zu haben. Das zweite Fragment ist aus einer koptischen Übersetzung des Johannesevangeliums und sei ganz offensichtlich eine Fälschung – buchstaben- und zeilentreu aus einem echten Papyrus des 4. Jahrhunderts kopiert, so Askeland. Hinzu kam, wie der Gastforscher feststellte, dass der im Dokument verwendete Dialekt im 7. bis 9. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr gebräuchlich war. Auf diese Zeit hatte King den Papyrus datiert. Der besondere Dialekt sei aber bereits im frühen 6. Jahrhundert verschwunden. Wenn das neue Johannesevangelium-Fragment eine Fälschung sei, so die Schlussfolgerung von Askeland, sei notwendigerweise das “Frau Jesu”-Fragment auch eine Fälschung.
Stephen Emmel vom Institut für Ägyptologie und Koptologie der WWU, der den Nachwuchsforscher betreute, war von der Arbeit seines Zöglings fasziniert. Emmel hatte bereits 2012 Zweifel angemeldet. Erstaunt habe ihn die Entdeckung der Fälschung allerdings nicht, sei sie doch so offensichtlich gewesen: “Bislang hatte einfach der absolut sichere Beweis gefehlt”. Über Askeland sagt Emmel: „Er hat über die koptische Übersetzung des Johannesevangeliums promoviert. Somit war er genau der Richtige, der das entdecken konnte“. Die Fälschung hält er für recht jung. “Sie dürfte in den vergangenen zehn Jahren entstanden sein”, mutmaßt der Experte.





