Seit den 1980er Jahren haben sich mit dem Aufkommen des Feminismus vor allem Historikerinnen den Frauen des Mittelalters zugewandt, die in der traditionellen Geschichtsschreibung zu wenig Beachtung gefunden hatten. Rund 50 Jahre intensiver Forschungen haben viele neue Facetten zum Leben von Frauen im Mittelalter hervorgebracht und eine allgemeine Erkenntnis verfestigt: Im europäischen Mittelalter hatten Frauen vermutlich mehr Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten als in den späteren bürgerlichen Jahrhunderten, in denen Frauen zunehmend in die Privatheit der Kleinfamilie gedrängt wurden.
Die Historikerin Janina Ramirez unternimmt mit diesem Buch den Versuch, die Erkenntnisse der Forschung an ein breites Publikum zu vermitteln. Spannend und journalistisch geschrieben verfolgt sie ausgewählte Frauengestalten entlang ihrer Tätigkeiten: Wir lesen so etwa von Kriegerinnen, Spioninnen, Influencerinnen und Wissenschaftlerinnen. Jedes Kapitel beginnt mit einem zeitgenössischen Ereignis, das für mediale Aufregung sorgte: eine Ausstellung zu den Templern, die deren Existenz bezweifelt, oder die Heiligsprechung der Jadwiga durch Papst Johannes Paul II.
Ramirez holt die Leserinnen und Leser somit in der Gegenwart ab und weckt ihr Interesse, in die Tiefen der Geschichte einzutauchen. Dabei baut sie stets die neuen Entwicklungen der Geschichtswissenschaft mit ein: Besonders überzeugt ihr Blick auf archäologische Quellen. So erzählt sie oft ausgehend von Objekten, etwa dem Teppich von Bayeux, der über die Stickerinnen Auskunft gibt, die ihn schufen. Viele Quellenzitate und Bilder machen das Buch lebendig. Anmerkungen und ein Register ermöglichen es, die Informationen nachzuprüfen und im Buch nachzuschlagen.
Ramirez gelingt der Spagat zwischen Wissenschaft und Journalismus in vielen Teilen gut, mitunter aber bleiben Aussagen doch spekulativ. Manches Mal wirkt der Versuch, aktuell zu klingen, befremdend – etwa wenn sie Hildegard von Bingen mit der aktuellen „Cancel Culture“ in Zusammenhang bringt oder Ketzerinnen mit Gruftis und Punks vergleicht. Das Buch stützt sich überwiegend auf anglophone Forschung und überzeugt vor allem bei den anglophonen Beispielen. Gelungen ist etwa der Vergleich der Inszenierung der weinenden Mystikerin Margery Kempe mit den Influencerinnen der Gegenwart.
Ramirez gibt anregende Einblicke in mittelalterliche Frauenleben, wobei sensationelle Themen die Auswahl bestimmen: Wikingerinnen, Templerinnen, Hildegard von Bingen – die Frauen aus den weniger prominenten Schichten finden sich nur am Rand. Dennoch vermag das Buch anzuregen, sich differenzierter mit dem Mittelalter und der Rolle der Frauen auseinanderzusetzen und viele festgefahrene Klischees zu überwinden.
Rezension: Prof. Dr. Christina Antenhofer





