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Friedrich I. neu gelesen

Galten Biographien von Regenten der modernen Geschichtsschreibung lange als verpönt, so erleben sie seit geraumer Zeit einen ungeahnten Höhenflug. Zwei Tendenzen lassen sich dabei unschwer erkennen. Der eine Historiker schreibt gegen die vermeintliche Überhöhung und Glorifizierung seines Helden an und ist bemüht, das g…

Friedrich I. neu gelesen
Galten Biographien von Regenten der modernen Geschichtsschreibung lange als verpönt, so erleben sie seit geraumer Zeit einen ungeahnten Höhenflug. Zwei Tendenzen lassen sich dabei unschwer erkennen. Der eine Historiker schreibt gegen die vermeintliche Überhöhung und Glorifizierung seines Helden an und ist bemüht, das gängige Bild als Mythos zu entlarven. Der andere zielt darauf ab, einer traditionell am Rand stehenden Persönlichkeit, die aus seiner Sicht freilich große Bedeutung für den Gang der Geschichte besaß, ein Denkmal zu setzen.
Autor
Redaktion
11. Mai 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Zu der zweiten Kategorie zählt die Studie Peter Stephans über den Hohenzollern Friedrich I. (1657–1713), den ersten König jener 1701 begründeten Monarchie, die unter dem Namen „Preußen“ später deutsche und europäische Bedeutung erlangen sollte. Tatsächlich galt der petite majesté – der empfindsame Friedrich war von geringer Statur – trotz seiner 25 Jahre währenden Regierungszeit stets weniger Aufmerksamkeit als dem übermächtigen Vater, dem „Großen Kurfürsten“, und seinem ambitionierten, den Thron 1713 erbenden Sohn Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“.

Dies wird sich durch die kluge und gedankenreiche, allerdings auch eigensinnige Biographie Stephans ändern, die keinen Lebensabriss im engeren Sinn darstellt, sondern einer „Staatsidee“ nachspürt. Der Untertitel des Werkes ist in diesem Zusammenhang ernst zu nehmen. Die „Erfindung Preußens“, verstanden als ein langfristig und planmäßig verfolgter Masterplan, ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Der Kurfürst von Brandenburg wird als weitblickender Herrscher präsentiert, der über lange Jahre hinweg die „politische Strategie“ der eigenen Rangerhöhung zielstrebig verfolgt habe.

Besonders überzeugend sind die Beobachtungen Stephans dort, wo er näher auf Kunstwerke wie das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten, Ehrenpforten, Gemälde, Deckenbilder und Medaillen sowie auf die machtvolle Architektur in der Hauptstadt, vor allem auf das Berliner Schloss und das Zeughaus, eingeht, die eine ganz auf Akten und andere schriftliche Überreste konzentrierte Historiographie oft vernachlässigt hatte. Hierfür bringt der Verfasser – einer der führenden Experten für die Epoche des Berliner Barock, der als Professor für Kunstgeschichte und Architekturtheorie in Potsdam tätig ist – beste Voraussetzungen mit.

Eine solche Darstellung hat naturgemäß ihre methodischen Schwächen, denn stets wird das, was (vermeintlich) intendiert ist, auch Realität. Man hat mitunter das Gefühl, als gäbe es im mächtepolitischen Europa keine anderen Akteure und Konkurrenten mit je eigenen Plänen und Kalkülen. Die unterschiedlichsten Sachverhalte werden durchgängig dem „Projekt des Kronerwerbs“ zu- und untergeordnet, sodass Friedrich als nahezu allwissend erscheint. Umgekehrt werden große Bereiche der Wirklichkeit marginalisiert oder ganz ausgeblendet, sozial-, religions- und wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge etwa.

Hinzu kommen nicht wenige Sachfehler. Die Hohenzollern nahmen beispielsweise nicht 1539, sondern mehr als sieben Jahrzehnte später das reformierte Bekenntnis an, die Habsburger regierten nicht erst seit 1699, sondern bereits seit 1526 in Ungarn. Auch die Begrifflichkeit („deutsche Einzelstaaten“, „Realunion“) ist mitunter unangemessen für die Verhältnisse im römisch-deutschen Reich der Frühen Neuzeit. Insgesamt setzt das Werk ein größeres Vorwissen voraus, um das Dargestellte verstehen, einordnen und würdigen zu können.

Rezension: Prof. Dr. Joachim Bahlcke

Peter Stephan
Friedrich I.
Die Erfindung Preußens. Eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2025, 393 Seiten, € 34,–

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