Die Zeit vor rund 774.000 bis 129.000 Jahren – das Mittelpleistozän – war eine entscheidende Phase der menschlichen Evolution. In dieser Zeit existierten verschiedene Frühmenschenarten parallel und breiteten sich über die Welt aus. Gleichzeitig entwickelten sich auch ihre geistigen und technischen Fähigkeiten rapide weiter, komplexere Verhaltensweisen entstanden. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Frühmenschen jener Zeit begannen, vielfältigere und komplexere Werkzeuge herzustellen. Neben Steinen und Knochen begannen sie auch, dafür Pflanzenmaterial wie Holz und Baumrinde zu nutzen.

Fund am Frühmenschen-Schlachtplatz
Wann die Frühmenschen des Mittelpleistozän jedoch begannen, Holzstöcke und Stämme für ihre Zwecke zu bearbeiten, ist bislang unklar. „Anders als Steine überdauern hölzerne Gegenstände nur unter besonders günstigen Umständen über lange Zeiträume“, erklärt Erstautorin Annemieke Milks von der University of Reading in England. Zu den ältesten Funden gehören 300.000 Jahre alte Holzspeere und Wurfstöcke aus Schöningen in Niedersachsen sowie rund 390.000 Jahre alte Holzwerkzeuge und eine 476.000 Jahre alte Konstruktion aus Holzstämmen in Sambia. Für letztere wurde das Holz aber nicht als Werkzeug, sondern als Strukturmaterial verwendet.
Jetzt haben Mieks und ihre Kollegen das bisher älteste Zeugnis von hölzernen Werkzeugen entdeckt. Sie stammen aus der Fundstätte Marathousa 1 auf dem Peloponnes in Griechenland. Dort haben Ausgrabungen in den letzten zehn Jahren zahlreiche Steinwerkzeuge sowie die Überreste eines von Frühmenschen geschlachteten und zerlegten Waldelefanten freigelegt. Sie zeigen, dass dieser einst am Ufer eines Sees gelegene Ort vor rund 430.000 Jahren als Schlachtplatz genutzt wurde. Unter den Funden waren auch zahlreiche Holzstücke, die nun Mieks und ihr Team näher untersucht haben. “Wir analysierten sie systematisch in Form und Gestalt wie auch mikroskopisch”, berichtet sie.
Zwei Werkzeuge aus Holz
Bei diesen Analysen entdeckten die Forschenden zwei Holzartefakte, die menschliche Bearbeitungsspuren zeigen. Ein rund 85 Zentimeter langer Stock aus Erlenholz wurde entrindet und zeigt Schnittkerben sowie Abnutzungsspuren an einem Ende. Die Archäologen vermuten, dass dieser Stock von den Frühmenschen zum Graben oder zum Ablösen von Baumrinde eingesetzt wurde. Ein zweites, nur wenige Zentimeter großes Holzstück aus Weidenholz ist ebenfalls entrindet und an einem Ende abgeflacht. Auch auf diesem Fundstück sind Spuren der Bearbeitung und des Gebrauchs zu erkennen, wie Mieks und ihre Kollegen feststellten.
“Die Artefakte aus Marathousa 1 sind die weltweit ältesten bisher bekannten Holzwerkzeuge und die einzigen Funde dieser Art aus Südosteuropa”, konstatieren die Archäologen. “Sie erweitern unser Wissen über die kulturellen Anpassungen und das Verhaltensrepertoire der Homininen im mittleren Paläolithikum.” Die Holzwerkzeuge vom Peleponnes bestätigen, dass die frühen Bewohner dieser Gegend auch schon Holz für ihre Zwecke zu nutzen wussten. „Einmal mehr hat sich gezeigt, wie außerordentlich gut die Erhaltungsbedingungen an der Fundstelle Marathousa 1 sind”, sagt Harvati. “Dass neben dem Menschen auch große fleischfressende Tiere ihre Spuren im Umfeld des zerlegten Ur-Elefanten hinterlassen haben, deutet auf eine harte Konkurrenz zwischen beiden hin.“
Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen; Fachartikel: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.2515479123





