Ursprünglich hat der Federseeforscher Ernst Wall das Keramikstück bereits in den 1960er Jahren am Rande der Pfahlbausiedlung Riedschachen ausgegraben. Er erkannte allerdings damals nicht, was er da gefunden hatte. Erst bei der erneuten Durchsicht seiner Funde wurde nun klar: Bei dem unscheinbaren Stück handelt sich um einen archäologischen Schatz. “Meine Versuche, das Keramikfragment zeichnerisch zu einem Gefäß zu ergänzen, scheiterten an den irregulären Formen. Erst als ich das Objekt spiegelbildlich ergänzte, wurde das Maskengesicht sichtbar”, berichtet Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. So erklärten sich auch die beiden seltsamen Löcher an der Seite des Keramikstücks: Sie dienten einst zur Befestigung der Maske vor dem Gesicht.
Rekonstruktion durch 3D-Scans
Spezialisten des Landesamtes für Denkmalpflege erfassten das Fragment anschließend digital und ergänzten es durch eine spiegelverkehrte Rekonstruktion. So wurde schließlich das gesamte Mittelfeld des Gesichtes wieder deutlich und auch eine Rekonstruktion der einstigen Maske war möglich. Den Experten zufolge handelte es sich wahrscheinlich um eine Totenmaske, die im Zusammenhang mit der Ahnenverehrung stand. “Der Einsatz modernster Technologien und Forschungsmethoden – wie hier 3D-Scans – machen es möglich, bislang rätselhafte Funde zu entschlüsseln”, sagt Schlichtherle.
Die Datierung durch die Radiokarbon-Methode und das Thermolumineszenzverfahren belegten eindeutig das neolithische Alter des Fundes. Da Ernst Wall die Fundstelle genau verzeichnete hatte, konnten die Archäologen auch die Schicht, in der das Fragment gelegen hatte erneut aufdecken. Es handelt sich ihnen zufolge um einen sogenannten Spülsaum des Federsees im Randbereich der Siedlung Riedschachen. Hier wurden auch schon weitere Keramikfunde aus dem Zeitraum 4200 bis 3700 v. Chr. geborgen. Die Maske gehört somit in die Phase des sogenannten Jungneolithikums, also in die frühe Zeit der Pfahlbauten am Federsee.
Bisher gab es erst zwei Funde von Gesichtsmasken aus dieser Zeit in Europa – sie stammen aus Ungarn und Rumänien. Im Gegensatz zu ihnen zeigt die Maske von Schussenried einen mehr naturgetreueren Ausdruck des Gesichts eines Toten, sagen die Experten. “Auch nach mehr als 150 Jahren Pfahlbauforschung gibt es hier noch immer bedeutende Entdeckungen von internationaler Tragweite”, freut sich Schlichtherle. Der sensationelle Fund wird nun weiter erforscht und für seine Präsentation bei der großen Landesausstellung 2016 “4000 Jahre Pfahlbauten” in Bad Schussenried und Bad Buchau vorbereitet.





