Die Maya sind eine der geheimnisvollsten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Schon als die ersten Europäer die Neue Welt erkundeten, zeugten nur noch überwucherte Ruinen von dieser indigenen Zivilisation. Untersuchungen zufolge war die klassische Maya-Gesellschaft schon im Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts n. Chr. aus mysteriösen Gründen untergegangen und die Menschen hatten die Städte verlassen. So auch Tikal im heutigen Guatemala. Die monumentalen Baustrukturen und ausgedehnten Siedlungsbereiche dieser Stadt zeugen von ihrer einstigen Bedeutung. Zur Blütezeit vor mehr als 1200 Jahren lebten vermutlich bis zu 60.000 Menschen in Tikal. Den einstigen Regenwald im Bereich der Stadt hatten die Maya in eine Kulturlandschaft verwandelt, die von Ackerflächen mit Mais, Bohnen und Kürbissen geprägt war.
Pflanzen der Innenstadt auf der Spur
Doch wie hat es im dicht bebauten Zentrum Tikals ausgesehen – gab es dort Grünanlagen? Bei dieser Frage richtete sich der Fokus der Forscher um David Lentz von der University of Cincinnati auf Areale neben den beiden zentralen Wasserreservoiren der Stadt. Diese Anlagen besaßen für die Maya eine große Bedeutung, denn es gibt in der Region keine natürlichen Gewässer. Deshalb leiteten sie in der Regenzeit die Niederschläge in Sammelbecken, die anschließend als Trinkwasserspeicher dienten. Während die meisten Flächen im Bereich der großen Pyramide und des Palastes gepflastert waren, gab es um die beiden dort gelegenen Wasserreservoire unversiegelte Bereiche, berichten die Forscher. Ob es sich um Grünflächen gehandelt hat, beziehungsweise welche Pflanzen dort einst wuchsen, untersuchten sie durch die Analyse sogenannter Umwelt-DNA in den Sedimenten der einstigen Wasserbecken. Es handelt sich dabei um genetische Spuren, die durch den Eintrag von Pflanzenmaterialien entstanden sind.
Aus den Untersuchungsergebnissen ging hervor: Die zentralen Tempel- und Palast-Reservoire waren zur Zeit der Besiedlung Tikals von einer üppigen Grünanlage gesäumt. Dort wuchsen im Gegensatz zum Umland keine domestizierten Pflanzenarten, sondern einheimische Waldvegetation, ging aus den genetischen Spuren hervor. Darunter waren auch Baumarten, die eine Höhe von 30 Metern erreichen konnten. Wie die Forscher erklären, lassen die Ergebnisse vermuten, dass die Maya beim Bau des Zentrums der Stadt gezielt ein Stück des ursprünglichen Waldes erhalten haben. Diese Anlage schützte möglicherweise den Bereich um die Reservoire vor Erosion, verbesserte das Mikroklima und besaß vermutliche auch ästhetische beziehungsweise spirituelle Bedeutung, sagen die Archäologen.
Eine Art Stadtpark?
“Fast das gesamte Stadtzentrum war gepflastert. Da wurde es während der Trockenzeit wohl ziemlich heiß”, sagt Lentz. “Also war es sinnvoll, kühle Bereiche entlang der Reservoire zu haben. Das muss auch schön anzusehen gewesen sein – mit dem Wasser und den Bäumen”, so der Archäologe. Angesichts der dokumentierten und weit verbreiteten Abholzung, die das Gebiet um Tikal damals prägte, war ein intaktes Stück Wald in der Stadtmitte sicherlich etwas Besonderes, meint auch Co-Autor Nicholas Dunning von der University of Cincinnati: “Der Bereich von etwa 50 Meter mal 50 Meter, muss in lebhaftem Kontrast zur Umgebung des zentralen Stadtbezirks gestanden haben, der im Wesentlichen vollständig mit Pflastersteinen bedeckt war und den viele rot gefärbte Gebäude prägten”, sagt der Archäologe.





