Das um 1200 niedergeschriebene Lied von den Nibelungen hat mit seinem düsteren und scheinbar unchristlichen Thema die Menschen schon zur Zeit seiner Entstehung irritiert. Deswegen erhielt es von Anfang an eine Fortsetzung, die aber nicht für gesungenen Vortrag bestimmt, sondern eine Abhandlung in Sprechversen war, die sogenannte Nibelungen-Klage: In ihr wird versucht, Trauerarbeit zu leisten, die schrecklichen Ereignisse zu erklären und zu deuten. Trotz reichlicher Überlieferung war die Geschichte von Siegfried, Brünhild, Kriemhild und dem Untergang der Nibelungen damals aber nur ein Erzählstoff neben anderen: Die populäreren Helden im deutschen Sprachraum waren König Artus, Dietrich von Bern und der aufständische Herzog Ernst.
Mit den anderen Stoffen des europäischen Mittelalters gerieten auch diese Geschichten mehr oder minder in Vergessenheit, erfuhren dann aber seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine zunehmende Wiederbelebung, die bis heute anhält. Gründe dafür waren ein neues Interesse an alten Mythen und der Versuch der sich herausbildenden Nationalstaaten in Europa, sich über ihre Vorzeitsagen und über alte Nationalepen zu legitimieren – Vorbilder waren die homerischen Epen der Griechen und die „Aeneis“ des römischen National-dichters Vergil. Für den deutschen Sprachraum, der gekennzeichnet war durch territoriale Zersplitterung und politische Ohnmacht des wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertums, kam hinzu, dass man in der Vergangenheit Zeichen einer einstigen Größe suchte, die es in der Gegenwart nicht gab.
Die moderne Rezeption des Nibelungenlieds und damit des Nibelungen-Stoffs im deutschen Sprachraum beginnt mit der Wiederentdeckung der drei in Vergessenheit geratenen Handschriften in Hohenems (Vorarlberg) und in St. Gallen (1755, 1768 und 1779), mit ersten Übersetzungsversuchen durch den Zürcher Schriftsteller und Literaturtheoretiker Johann Jacob Bodmer (letztes Drittel des Liedes: 1757) sowie insbesondere mit der vollständigen Veröffentlichung des gesamten Textes durch Christoph Heinrich Myller, einen früheren Schüler Bodmers (1782). Erfolg und Beachtung folgten aber nur langsam: Der Preußenkönig Fried-rich II., dem Myller seine Ausgaben mittelhochdeutscher Epik widmete, fand diese „nicht einen Schuß Pulver werth“.
Doch in der frühen Romantik und insbesondere während der Kriege gegen Napoleon wurde das Nibelungenlied zum Symbol des Patriotismus und des Nationalismus. Kennzeichnend dafür ist die Vorrede, die Friedrich Heinrich von der Hagen, Professor in Breslau und Berlin, seiner 1807 veröffentlichten Ausgabe des Nibelungenlieds vorausschickte: Er sieht es als „unbedenklich eins der größten und wunderwürdigsten Werke aller Zeiten und Völker, durchaus aus Deutschem Leben und Sinne erwachsen und zur eigentümlichen Vollendung gediehen, und als das erhabenste und vollkommenste Denkmal einer so lange verdunkelten Nationalpoesie … doch ganz einzig und unerreicht dastehen“. Er behauptet, in der Schlusskatastrophe des Liedes würden sich „die herrlichsten männlichen Tugenden“ offenbaren: „Gastlichkeit, Biederkeit, Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod, Menschlichkeit, Milde und Großmuth in des Kampfes Noth, Heldensinn, unerschütterlicher Standmuth, übermenschliche Tapferkeit, Kühnheit und willige Opferung für Ehre, Pflicht und Recht“. Dies seien zentrale männliche Tugenden der Deutschen (dazu kam die „holde Zucht“ und Treue der deutschen Frauen), die „mit Hoffnung auf dereinstige Wiederkehr Deutscher Glorie und Weltherrlichkeit erfüllen“.





