Als Versuchslabor der Künste regte Wien um 1900 in besonders radikaler Weise den Treibhauseffekt der Moderne in der Musik an. Der neuen strukturellen Freiheit vorausgegangen war ein durch Richard Wagners „Tristan“-Harmonik ausgelöster Prozess, der die musikalische Sprache in letzter Konsequenz in eine Sphäre totaler Chromatik vorantrieb. Die Todesjahre von Johannes Brahms (1897) und Gustav Mahler (1911) mögen einen zeitlichen Rahmen für die Kernzeit einer Entwicklung abstecken, in der die Töne in nie zuvor gehörter Weise von traditionellen Standards gelöst und einem jegliche Konventionen sprengenden Ausdruck unterworfen wurden.
Gustav Mahler läutet eine neue Epoche in der Musik ein
Am 11. Mai 1897 dirigierte Gustav Mahler seine erste Vorstellung an der Wiener Hofoper und übernahm im selben Jahr deren Direktion. Etwa zeitgleich etablierte sich der Begriff einer „Jung-Wiener Tonkunst“, mit dem man zunächst eine dem Wiener Tonkünstlerverein nahestehende Generation von aufstrebenden Komponisten um Alexander Zemlinsky bezeichnete.
Zu einer historischen Fixierung fand der ursprünglich durch den Schriftsteller Hermann Bahr geprägte Epochenbegriff „Jung-Wien“, dessen wesentliches Moment auf eine gemeinsame gesellschaftliche und kulturelle Atmosphäre abzielte, um 1910. In der Musik war damit der Schritt zum Expressionismus vollzogen.
Die Jung-Wiener Tonkunst definierte sich zum einen über die Generation und den Ort ihres Wirkens, zum anderen über Grundzüge, die weniger von einem Stilkontinuum als von gemeinsamer musikalischer Herkunft in der Musik von Johannes Brahms zeugten.
Brahms verkörperte (wie der 1896 verstorbene Anton Bruckner) eine „endliche Romantik“. Diese spricht vor allem aus dem Hauch von Tristesse in seinen späten Werken, etwa den „Intermezzi“ (1892) für Klavier. In der Auflösung konventioneller Schemata wird die Stellung von Brahms als Brücke zwischen dem Spätwerk Ludwig van Beethovens (1770 –1827) und der Wiener musikalischen Moderne deutlich.
In den Anfangsjahren des musikalischen Jung-Wien waren die in der Stadt wirkenden Komponisten einem Dilemma zwischen Wertkonservativismus und Fortschrittsdenken ausgesetzt, welches sich mit zunehmender Reibung zwischen reaktionären und progressiven Geistern verschärfte.
Als Komponist und Dirigent verkörperte der 1860 geborene Gustav Mahler eine Schnittstelle zwischen der alten und der neuen musikalischen Zeitrechnung. Der „Zeitgenosse der Zukunft“ (Kurt Blaukopf) wurde von den Traditionshütern in Wien als Zerstörer an den Pranger gestellt und blieb selbst von der fortschrittlichen musikalischen Jugend in Wien lange unverstanden.





