Die Königlichen Gemahlinnen und Konkubinen Ramses’ II. lebten – anders, als es das aus der Osmanischen Zeit herrührende Bild suggeriert – keineswegs eingesperrt in einem Harim der Hauptstadt Piramesse. Vielmehr ist davon auszugehen, daß sie (und die königlichen Kinder) nicht nur in Piramesse, sondern an verschiedenen Orten Ägyptens in Häusern mit eigener Verwaltung und eigenen Ländereien lebten. Teilweise trugen sie wohl selbst durch die Herstellung von Leinen zu ihrem Lebensunterhalt bei. Die Große Königliche Gemahlin Maathorneferure etwa, eine hethitische Prinzessin, die Ramses II. aus diplomatischen Gründen geheiratet hatte, lebte laut den Quellen nicht in der Residenz, sondern im Fayum, einer fruchtbaren Gegend südwestlich des Nildeltas. Ihre offizielle Rolle scheint generell nicht besonders groß gewesen zu sein, tatsächlich sind kaum Darstellungen von ihr erhalten.
Ramses’ Mutter tritt in der Zeit ihres Gemahls Sethos I. in den Darstellungen nicht auf. Alle bisher bekannten Bildbelege dieser Frau stammen aus der Zeit ihres Sohnes, der ihr besondere Wertschätzung entgegengebracht zu haben scheint. Wie an?dere Herrscher vor ihm propagierte er sogar, der Reichsgott Amun selbst habe sich mit der Königin vereinigt, um den Thronfolger zu zeugen!
Leider sind von diesem Bilderzyklus nur einzelne Blöcke erhalten, doch wir kennen zwei vollständige Darstellungen dieser „Geburtslegende“ von anderen Pharaonen, so aus dem Totentempel der Königin Hatschepsut sowie aus dem Tempel von Luxor, wo sie Pharao Amenophis III. anbringen ließ. Amun, betört von der Schönheit der Königin, nähert sich ihr in Gestalt ihres Gatten, jedoch mit der Aura eines Gottes, der sie verständlicherweise nicht widerstehen kann. Neun Monate später wird unter Mithilfe göttlicher Ammen der kleine Prinz geboren, ausersehen, über Ägypten zu herrschen …
Es erstaunt vor diesem Hintergrund nicht, daß Ramses’ Mutter Tuja unter anderem den Titel einer „Gottesgemahlin“ trug! Verständlicherweise stand sie durch diese besondere Rolle zu Lebzeiten rangmäßig über ihren diversen Schwiegertöchtern. Doch die Masse der Quellen spricht von der Großen Königlichen Gemahlin, die er liebt, Herrin der beiden Länder, Nefertari, „Geliebt-von-[der Göttin]Mut“.
Dabei wäre es falsch, unsere Vorstellungen von Ehe und Familie auf die Sippe von Ramses II. zu übertragen. Man kann zwar aufgrund der Quellenlage davon ausgehen, daß der Pharao Nefertari in hohem Maße zugetan war. Doch wie auch in den europäischen Königshäusern des Mittelalters und der Neuzeit war die Rolle der Königin nicht in erster Linie von den persönlichen Gefühlen des Königs zu ihr definiert, sondern es ging um viel mehr. So wie der Pharao der Sohn des Sonnengottes Re war und eine göttliche Rolle ausfüllte, die für den Bestand von Ägypten von entscheidender Bedeutung war, so hatte auch die Frau an seiner Seite eine mehrschichtige Rolle.





