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Geburt einer neuen Macht
In der Regierungszeit Herzog Philipps des Kühnen erlebte Burgund einen rasanten Aufstieg. Besonders durch die Gebietsgewinne im Zuge seiner Heirat mit Margarete von Flandern wuchs das Herzogtum zum respektierten politischen Akteur in Mitteleuropa heran.
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Am 27. April 1404 starb Philipp von Burgund, genannt der Kühne, im kleinen Ort Halle bei Brüssel. Einer der glänzendsten Fürsten seiner Tage fand sein Ende, und die Zeitgenossen zeichneten ein strahlendes Bild von ihm: als Herr über beeindruckende Ländereien – Burgund, Flandern, Artois und mehr – hatte er lange die Politik Frankreichs dominiert, einen glänzenden Hof aufgebaut, eine beeindruckende Bibliothek angelegt und mit der Kartause von Champmol eine noch heute berühmte Grablege für seine Dynastie errichtet.
Als seine Ehefrau Margarete von Flandern am 9. Mai mit dem Begräbniszug zusammentraf, der seinen Leichnam nach Dijon bringen sollte, verzichtete sie aber feierlich auf alle gemeinsamen Besitzungen und hinterließ das Erbe ihrem ältesten Sohn Johann Ohnefurcht. Sie fürchtete „die großen Schulden“, die eine „große Gefahr“ bedeuteten.
Philipps Vermächtnis schillerte ebenso wie der geographisch unscharfe Name Burgund. Er leitet sich von den „Burgundern“ ab, die römische Quellen erst als Volk im Gebiet des heutigen Polen beschreiben, bevor sie uns am Mittelrhein begegnen und schließlich seit dem 5. Jahrhundert zwischen Basel und Lyon siedelten. Hier entstand seit 888 ein Königreich Burgund, das 1032 Teil des Heiligen Römischen Reichs wurde. Hinzu kamen jedoch auch noch ein französisches Herzogtum im Nordwesten, das ebenfalls den Namen Burgund trug, sowie eine Grafschaft gleichen Namens – die spätere Franche-Comté, im Raum von Besançon und Dôle.
Besonders glanzvoll wurde Burgund aber im späten Mittelalter – und Philipp der Kühne legte hierfür den Grundstein, indem er die Linie der Herzöge aus dem Haus der französischen Königsfamilie der Valois begründete. Als jüngster Sohn König Johanns II. von Frankreich begründete er einen Herrschaftskomplex, den seine Nachkommen zu einem wahren Zwischenreich zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich ausbauten, das sich von Flandern bis an die Rhone erstreckte. Burgund wurde eine der mächtigsten und reichsten Herrschaften im spätmittelalterlichen Europa. Hätte sie Bestand gehabt, wäre die deutsch-französische Geschichte anders verlaufen …
Der Krieg mit England wütet schon seit vielen Jahrzehnten
Als Philipp am 17. Januar 1342 geboren wurde, war all dies nicht absehbar. Der nachgeborene Königssohn durfte auf wenig mehr als eine großzügige Ausstattung hoffen. Immerhin erhielt er am Königshof wohl eine sorgfältige Ausbildung, auch im Lateinischen, und wurde 1352 in den königlichen Ritterorden des „Sterns“ aufgenommen.
Frankreich war damals vom Hundertjährigen Krieg geprägt, der seit 1337 die französischen Herrscher mit englischen Ansprüchen auf den Thron konfrontierte. Immer wieder erlitten die französischen Heere heftige Niederlagen – erst bei Crécy im Jahr 1346, dann bei Poitiers im September 1356, als Johann II. sogar gefangen genommen wurde. Bei der Schlacht wurden die drei älteren Söhne des Königs in Sicherheit gebracht. Nur Philipp, der mit 14 Jahren noch kein Schwert führte, blieb bei Johann II., zeichnete sich durch seine Tapferkeit aus und verdiente damit den Beinamen le hardi, „der Kühne“.
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Die Nähe zum Vater blieb auch später bedeutsam. 1360 erhielt Philipp zunächst die Touraine als Apanage, aber ein Todesfall eröffnete bald neue Perspektiven: Philipp von Rouvres war 1349 mit nur drei Jahren Herzog von Burgund und damit ein „Pair de France“ geworden, also einer der herausragenden Hochadligen des Königreichs. Mit 15 Jahren erlag er aber 1361 der Pest und hinterließ eine attraktive Erbmasse mit verworrenen Ansprüchen.
Die Ehe Philipps von Rouvres mit Margarete, der Erbtochter des flandrischen Grafen Ludwig II. von Maele, war kinderlos geblieben, und König Johann II., seit 1350 in zweiter Ehe mit der Mutter von Philipp von Rouvres, Johanna von Boulogne, verheiratet, erklärte sich selbst zum nächsten Verwandten und Erben. Sein Konkurrent Karl II. von Navarra war zwar biologisch näher dran, aber seine Verwandtschaft verlief über eine weibliche Linie.
Während Philipp von Rouvres weitere Besitzungen, also die Freigrafschaft Burgund, das Artois sowie die Grafschaften Auvergne und Boulogne, einem traditionellen Erbgang folgten, setzte sich Johann im Herzogtum durch, das er „unauftrennbar mit unserer Krone von Frankreich“ vereinte, wie eine Urkunde besagt. Hätte er das umgesetzt, wäre Burgund wohl im Königsland aufgegangen.
Bald aber änderte er seine Pläne, obwohl er am 23. Dezember 1361 feierlich als neuer Herr in Dijon einzog. Wir kennen die Hintergründe nicht genau, aber am 27. Juni 1363 setzte er seinen Sohn Philipp (den Kühnen) als lieutenant ein, der als solcher seinem eher unglücklichen und unbeliebten Vorgänger Jean de Melun nachfolgte. Im Herzogtum hoffte man nun auf größere Eigenständigkeit, zumal Johann seinen Sohn am 6. September 1363 zum Herzog von Burgund erhob.
Der neue Herzog profitiert von der Hilfe des französischen Königs
Unterstützt von seinem Vater, der 1364 starb, und dann seinem Bruder König Karl V., der Philipp als Herzog bestätigte, begann ein beeindruckender Aufstieg. Philipp erhielt das „Hotel de Bourgogne“ als Geschenk, die alte Residenz der Herzöge in Paris, und zog im November 1364 in Dijon ein, wo er in der Abteikirche von Saint-Bénigne offiziell als Herzog eingesetzt wurde. Als solcher setzte er sich entschlossen durch: Er wies die Ansprüche Karls von Navarra ab und organisierte die militärische Verteidigung Burgunds gegen marodierende Briganten zusammen mit dem regionalen Adel. Zur Finanzierung überließ ihm sein Bruder zahlreiche königliche Abgaberechte aus dem Herzogtum, die um 1380 herum etwa 76 Prozent seiner Einnahmen bildeten.
Auch diplomatisch wurde Karl V. tätig: Gegen englische Allianzpläne des Grafen von Flandern vermittelte er die Heirat Philipps mit dessen Tochter Margarete (der Witwe Philipps von Rouvres). Karl sicherte auch die wegen allzu naher Verwandtschaft nötige päpstliche Dispens – und versprach Margaretes Vater 200 000 Pfund Silber sowie die drei Burgherrschaften in
Lille, Douai und Orchies, die jährlich nochmals 10 000 Pfund einbrachten. Im Gegenzug brachte Margarete nicht nur den Erbanspruch auf die Grafschaft Flandern mit in die Ehe, sondern auch jenen auf die Grafschaften Artois und Burgund.
Flandern war reich, aber nicht einfach zu regieren: In dem stark urbanisierten Land besaßen die wohlhabenden Bürger ein enormes Selbstbewusstsein und begehrten immer wieder auf. Philipp versuchte, sich mit der Region und seinen zukünftigen Untertanen vertraut zu machen, indem er sich mindestens einmal im Jahr dort aufhielt.
Damit konnte er das Aufbrechen alter Konfliktlagen aber nicht verhindern: 1379 vereinten sich zahlreiche Städte – allen voran Gent, aber auch Grammont und Brügge – unter ihrem Parteiabzeichen als chaperons blancs, also als „weiße Mützen“, gegen Graf Ludwig. Ein von Philipp vermittelter Ausgleich hielt nicht lange, und bald musste er seinem Schwiegervater militärisch zur Seite stehen.
Militärisches Eingreifen gegen die revoltierenden Städte in Flandern
Dazu sicherte er sich 1382 auch die Unterstützung des noch minderjährigen französischen Königs Karl VI. (geb. 1368), der 1380 seinem Vater auf dem Thron gefolgt war, sowie seines eigenen Bruders Johann von Berry. Folgt man dem Chronisten Jean Froissart, versprach Philipp seinem Schwiegervater: „Monsieur, … ich werde euch entweder von eurem Unglück befreien oder mit euch alles verlieren; denn es ist nicht gut, dass eine solche Meute, wie jetzt in Flandern, ein Land regiert: Die ganze Ritterschaft und der Adel könnte damit die Ehre verlieren und zerstört werden – und damit die ganze heilige Christenheit.“
Ein militärisches Eingreifen französischer Könige in Flandern war keine Neuheit, denn hier trafen ihre Herrschaftsinteressen auf die enge wirtschaftliche Verbindung der flandrischen Tuchproduktion mit dem Wolle exportierenden England.
In einem dieser Konflikte hatte ein französisches Heer, das im Auftrag König Philipps IV. (des Schönen) kämpfte, am 11. Juli 1302 gegen flämische Truppen bei Kortrijk eine heftige Niederlage erlitten. Zahlreiche französische Ritter und Adlige verloren bei der sogenannten „Sporenschlacht“ ihr Leben: Die siegreichen Flamen nahmen den Toten ihre Sporen ab und bewahrten sie zum Gedächtnis in der Frauenkirche in Kortrijk auf, wo man auch den Jahrestag der Schlacht feierlich beging, wie Froissart berichtet.
1382 ging der Kampf zugunsten Frankreichs aus: In der Schlacht bei Roosebeke befehligte Karl VI. persönlich seine Truppen und errang am 27. November einen glänzenden Sieg gegen die zahlenmäßig überlegenen, aber schlechter ausgerüsteten Flamen. Zu den Opfern zählte Philipp van Artevelde, der Anführer des Aufstands in Gent. Die Franzosen bemächtigten sich auch der Sporen in Kortrijk und verbrachten sie in die Abtei Saint-Denis bei Paris: ein wichtiger symbolischer Triumph, den der junge Karl VI., der sich für das Rittertum begeisterte, gebührend feierte.
Auch Philipp der Kühne zeigte seine Durchsetzung in symbolischer Form: Im geplünderten Kortrijk brachte er den sogenannten jacquemart an sich, die Turmuhr mitsamt dem mechanischen Glockenspiel, der nach Dijon transportiert und an der dortigen Frauenkirche installiert wurde. Nur Gent konnte nicht unterworfen werden, sodass beim Tod des flandrischen Grafen Ludwig 1384 die politische Situation weiter instabil war.
Philipp nutzte die Bestattung seines Schwiegervaters, um sich als zukünftiger Herrscher zu inszenieren: Er führte die Prozession der Trauernden an und ließ einen Bericht zu den Feierlichkeiten verfassen, der dann verbreitet wurde. Zügig nahm er sein Erbe in Besitz und fand Ende 1385 im Vertrag von Tournai einen Ausgleich mit Gent. Letztlich waren alle Beteiligten am Wiederaufbau des in Mitleidenschaft gezogenen Landes interessiert.
Eine respektable Anhäufung von Territorien
Philipp besaß nun ein beeindruckendes Ensemble von Herrschaften: Er war Herzog von Burgund, Graf von Burgund, von Flandern, Nevers, Rethel und Artois; auch Lille, Douai und Orchies durfte er behalten. 1390 kaufte er zudem die Grafschaft Charolais – er konnte sich das auch deswegen leisten, weil üppige französische Pensionen sein reiches Erbe noch aufstockten.
Hinzu kam seine Nachkommenschaft: Mit Margarete von Flandern zeugte Philipp zehn Kinder, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten und gewinnbringend verheiratet werden konnten. So entstanden Verbindungen zu den Wittelsbachern, die den Hennegau, Holland und Seeland besaßen, zu Savoyen, den Herzögen von Bourbon und nach Luxemburg.
Mit seinen Beziehungen fädelte Philipp auch die Ehe seines königlichen Neffen Karl VI. mit Elisabeth von Wittelsbach ein, die in Frankreich als Isabeau de Bavière bekannt wurde. In Brabant bot er sich der verwitweten und erbenlosen Herzogin Johanna als Schutzherr an, die ihre Herrschaft schließlich Philipps Sohn Anton überschrieb, der ihr 1406 nachfolgte und mächtige Konkurrenten ausstach, zu denen etwa der römisch-deutsche König Wenzel (reg. 1376– 1400) gehörte.
Letzteres führt bereits über Philipps Lebenszeit hinaus, aber das Panorama zeigt, dass sich der Herzog von Burgund hervorragend darauf verstand, seine Ansprüche durchzusetzen und seine Herrschaft zu erweitern. Je nach Konstellation nutzte er seine Kinder zur Heiratspolitik, setzte finanzielle Mittel ein oder griff zu handfester militärischer Gewalt.
Damit legte er als erster Herzog von Burgund aus dem Haus der Valois den Grundstock für die personelle Vereinigung Burgunds mit den Territorien im Norden, den „burgundischen Niederlanden“, die seine Nachfolger noch ausbauen sollten.
Unterstützend wirkte die Situation in Frankreich: Da Karl VI. minderjährig auf den Thron kam, bildete man für ihn eine Regentschaftsregierung, in der vor allem seine Onkel bestimmend waren – unter denen Philipp rasch die zentrale Position einnahm. Johann von Berry besaß zwar einen herausragenden Ruf als Kunstförderer, war aber politisch weniger engagiert. Ludwig von Anjou strebte seit 1382 nach der Krone Neapels und orientierte sich daher nach Italien. Somit konnte Philipp die Politik seines Neffen stark beeinflussen: Zur militärischen Unterstützung in Flandern kam bald ein ständiger Strom finanzieller Zuwendungen und weiterer Gunsterweise.
Damit blieb Philipp vorrangig ein französischer Fürst. Schon zu Lebzeiten Karls V. waren seine Handlungsschwerpunkte in Frankreich und vor allem in Paris gelegen, seinem wichtigsten Aufenthaltsort. Das verstärkte sich noch während der Regentschaft für Karl VI. – bis dieser 1388 seine Volljährigkeit erklärte und eigenständig zu regieren begann, unterstützt von Vertrauten wie Bureau de la Rivière oder Olivier de Clisson, die bereits seinem Vater gedient hatten.
Diese Phase blieb aber ein Zwischenspiel: Schon im August 1392 erlitt Karl VI. auf einem Militärzug in die Bretagne eine psychische Krise und schlug im Wahn mit dem Schwert auf seine Begleiter ein. Von nun an war er immer wieder für lange Phasen regierungsunfähig.
Man entfernte den gesalbten Herrscher aber nicht aus seinem Amt, sondern bestellte erneut eine Regentschaftsregierung. Als dominierende Figur ersetzte Philipp der Kühne die Berater und Günstlinge des Königs, die marmousets (ein Schmähwort unklarer Bedeutung), durch sein eigenes Personal und steuerte die königliche Politik nach innen wie nach außen – etwa in der Frage des Papstschismas oder in den Friedensverhandlungen mit England.
Als 1396 der ungarische König Sigismund (der spätere Kaiser) um Unterstützung gegen die expandierenden Osmanen bat, führte Philipps ältester Sohn Johann, der Graf von Nevers, das französische Kontingent des resultierenden Kreuzzugs an: eine breit sichtbare Inszenierung Burgunds.
Philipp der Kühne wird zum mächtigsten französischen Fürsten
Philipps Einsatz war aber keineswegs uneigennützig, sondern wurde reich entlohnt. Neben der Nutzung aller königlichen Abgabenrechte in seinen Territorien ließ er einen wahren Schauer königlicher Geschenke auf sich herabregnen. Zwischen 1382 und 1403, so rechnete der Historiker Richard Vaughan aus, belief sich deren Wert auf insgesamt 1,3 Millionen Pfund Silber. Philipps Kunstförderung und die Beschäftigung von Literaten wie Christine de Pisan (1364–nach 1430), herausragenden Malern, Goldschmieden und anderen wurde so erst möglich.
Symbolischen Ausdruck fand dies in seinen prachtvollen Büchern, vor allem aber in der berühmten Kartause in Champmol bei Dijon: Gebaut als dynastische Grablege, wurden ihre Skulpturen von den herausragenden Bildhauern der Zeit erschaffen, wie Claus Sluter oder Claus de Werve.
Bei allen Problemen, mit denen Philipp sich konfrontiert sah, erlitt er wenige echte Rückschläge: Kritisch war die schallende Niederlage der christlichen Kontingente bei Nikopolis im Jahr 1396, als sein Sohn Johann in Gefangenschaft geriet (siehe Artikel Seite 22). Später war auch dies propagandistisch zu nutzen, konnte sich Johann doch als Kämpfer gegen die Muslime inszenieren. Zugleich bedeutete der Kreuzzug auch einen ersten großen Auftritt Burgunds auf der internationalen Bühne.
Dieser Nachhall war umso wichtiger, als Philipps Machtposition in den späten 1390er Jahren bröckelte: Herzog Ludwig von Orléans, der jüngere Bruder Karls VI., war volljährig geworden und verlangte Teilhabe an der Regierung. Die Differenzen wurden immer sichtbarer – und die Animositäten zwischen den beiden Herzoginnen verstärkten die Spannungen. 1401 stand man kurz vor einem offenen Krieg: Beide Parteien versammelten Truppen in und um Paris, und nur mit Mühe wurde der Frieden gewahrt. Die Konkurrenz um die Macht, also das Ringen um den Einfluss auf den König, zog das ganze Reich in Mitleidenschaft.
Letztlich konnte sich Philipp aber bis zu seinem Lebensende halten und war bei seinem Ableben im Jahr 1404 wohl noch der mächtigste unter den französischen Fürsten.
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