Der um 70 vor Christus geborene Dichter Vergil war schon zu Lebzeiten berühmt. Sein Epos Aeneis wurde in den Schulen der Antike gelesen und gelehrt, seine Verse waren Pflichtlektüre für Generationen von Schülern. Er gilt noch heute als einer der wichtigsten Autoren der klassischen römischen Antike und als prägend für die Blütezeit des Lateinischen. Wegen der großen Verbreitung von Vergils Versen schon zu seinen Lebzeiten finden Archäologen noch heute häufig Texte oder Textfragmente von Vergil auf antiken Schultafeln oder als Epitaph auf römischen Gräbern.
Zufallsfund in antikem Olivenanbaugebiet
Doch jetzt hat ein Forschungsteam um Iván González Tobar von der Universität von Córdoba ein Gedichtfragment von Vergil an einem ungewöhnlichen Ort entdeckt. Der Fund besteht aus der Scherbe einer einst für den Transport von Olivenöl genutzten römischen Amphore, die ein Einwohner des Dorfes Ochavillo in Andalusien aufgesammelt hatte. Der Ort liegt in der Ebene des Flusses Guadalquivir, die in der Antike als Region “Betica” eines der Zentren des römischen Oliven- und Weinanbaus war. Die in dieser Gegend produzierten Olivenöle und Weine wurden in Massen nach Rom exportiert. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dort Reste von Ölamphoren und anderen antiken Zeugnissen dieser landwirtschaftlichen Produktion zu finden.
Auch der Umstand, dass auf der rund 1800 Jahre alten Amphorenscherbe Schriftzeichen eingeritzt waren, erschien zunächst nicht weiter auffällig. Denn es war damals üblich, dass Informationen zum Inhalt, der Qualität und dem Hersteller des Olivenöls oder Weines auf die Amphoren geschrieben wurde – vergleichbar unseren heutigen Etiketten. Selbst in Rom wurden bei Ausgrabungen schon häufiger Amphoren und Scherben mit der antiken Herkunftsbezeichnung “Betica” gefunden. Doch als González Tobar und sein Team die Schrift auf der sechs mal acht Zentimeter großen Tonscherbe näher untersuchten und entzifferten, entdeckten sie Überraschendes: Es handelte sich bei diesem Text nicht um die üblichen sachdienlichen Angaben zum Inhalt, sondern um Teile eines Gedichts.
Fragmentarische Zeilen aus dem Vergil-Werk “Georgica”
Die auf der Tonscherbe entzifferten Inschrift lautete:
S
vais
avoniam
glandemm
arestapoqv
tisaqv
it
Diese fragmentarischen Zeilen und Worte erwiesen sich als Teil zweier Verse aus dem ersten Buch der “Georgica” von Vergil. Nach Angaben der Forschenden ist dies das erste Mal, dass ein Textfragment von Vergil auf einer Ölamphore gefunden wurde. Allerdings ist dieser Kontext für das Gedicht durchaus passend, denn der aus der Griechischen stammende Titel “Georgica” lautet zu Deutsch etwa “Landbau”. Dieses 29 vor Christus verfasste Werk des Dichters beschreibt in vier Büchern verschiedene Aspekte, Mythen und Reflexionen über Ackerbau, Obst- und Weinbau, Viehzucht und Imkerei. In den anfänglichen Versen, zu denen die auf der Amphorenscherbe entdeckten Textfragmente gehören, leitet Vergil dies mit Gebeten an verschiedene Götter ein.





