Vor der Küste vieler Länder liegen bis heute wertvolle Zeitzeugen der Vergangenheit verborgen: die Wracks von vor Jahrhunderten gesunkenen Schiffen. Sie geben Einblick in vergangene Seeschlachten, aber auch in Handelsrouten und den Fernhandel sowie nautische Entwicklungen. Doch nicht immer lässt sich die Identität eines Schiffswracks auf Anhieb klären. Oft sind die Überreste schon so stark zerfallen, dass nur noch einige Artefakte der Ausrüstung und Fracht übrigbleiben.
Goldschatz am Meeresgrund
Dies ist auch bei einem Schiffswrack der Fall, das Taucher der South West Maritime Archaeological Group im Jahr 1995 in der Salcombe Bay in der südenglischen Grafschaft Devon entdeckten. Von den Bauteilen des Schiffs waren nur spärliche Reste von Holz und Tauen sowie der Anker und einige Kanonen erhalten. Über eine Länge von rund 30 Metern lagen jedoch Teile eines echten Goldschatzes verteilt: Das Archäologenteam fand mehr als 400 Goldmünzen am Meeresgrund, außerdem Goldnuggets und Goldschmuck sowie Zinn- und Keramikgefäße.
Nähere Untersuchungen enthüllten, dass diese Goldobjekte afrikanischer Herkunft waren: Die Münzen trugen die Prägung der Saadier-Sultane in Nordwestafrika. Diese muslimische Herrscherdynastie regierte von 1549 bis 1664 über das Gebiet des heutigen Marokko. „Die Entdeckung afrikanischen Goldes am Meeresgrund der Küste von Devon war ein erstaunlicher Fund, der viele Fragen dazu aufwarf, wie es dorthin gelangt sein konnte“, sagt Jeremy Hill, Forschungsleiter am British Museum in London. Die Münzen und weitere Datierungen ergaben, dass das Schiffswrack aus dem 17. Jahrhundert stammen musste. Doch seine Identität blieb unbekannt.

Weitere Funde aus dem Wrack — © British Museum
Identität und Schicksal des Schiffs geklärt
Erst jetzt, gut 30 Jahre später, hat ein Team aus Unterwasserarchäologen und Historikern das Geheimnis des „Goldwracks“ gelüftet. Durch Untersuchungen der Funde und jahrelange Recherche in Archiven gelang es dem Team, die Geschichte dieses Schiffs zu rekonstruieren und seine Identität zu klären. Demnach handelte es sich um das niederländische Handelsschiff „Dom van Keulen“, das im Herbst 1633 von Marokko in Richtung Niederlande segelte. Nordwestafrika war zur damaligen Zeit ein begehrtes Ziel für Handelskompagnien, die dort Waren europäischen Ursprungs gegen hochreines westafrikanisches Gold eintauschten. Viele der in die Niederlande gebrachten Goldmünzen wurden dann dort eingeschmolzen und als Rohstoff für eigene Goldmünzen verwendet.
Warum die „Dom van Keulen“ sank, konnte der Historiker Ian Friel in historischen Aufzeichnungen nachlesen, die er im britischen Nationalarchiv aufspürte. Demnach lief der Frachter im Ärmelkanal in einen heftigen Sturm und schlug leck. Die Besatzung konnte sich zwar retten, aber das Schiff mitsamt Fracht versank nahe der Küstenstadt Salcombe in den Fluten. Wie Dave Parham, Professor für maritime Archäologie an der Bournemouth University, herausfand, hatte die „Dom van Keulen“ zu diesem Zeitpunkt eine reiche Fracht geladen.
Gummi arabicum, Salpeter und Gold
„Die Ladung umfasste unter anderem 150 Säcke Gummi arabicum, 64 Säcke Salpeter, 320 Ziegenfelle und 9000 Golddukaten von der Barbareskenküste“, berichtet Parham. „Dies liefert uns wertvolle Einblicke in den Wohlstand der Saadier-Sultane, den Handel mit afrikanischem Gold und den florierenden Seehandel, der Marokko mit den Niederlanden und Großbritannien verband.“ Wie der Forscher erklärt, wurde der Großteil der wertvollen Fracht der „Dom van Keulen“ schon kurz nach dem Sinken des Schiffs geborgen, aber mehr als 400 Goldmünzen blieben am Meeresgrund. Sie zeugen bis heute von dem einst großen Geschäft mit westafrikanischem Gold.
„Die Geschichte dieses niederländischen Schiffs, das afrikanisches Gold trug und vor der englischen Küste sank, ist daher von internationaler Bedeutung“, sagt Parham. „Und es erinnert uns daran, wie viel es noch immer in den Meeren zu entdecken gibt.“ Er und seine Kollegen haben ihre Erkenntnisse zum Schicksal der „Dom van Keulen“ und ihrem historischen Kontext nun in einem Buch veröffentlicht.
Quelle: Bournemouth University; Buch: From Morocco to the Coast of England: The Story of the Dom van Keulen and its Remarkable Cargo, doi: 10.48582/eh04-q803





