„Einst hat sich eine riesige Schlange um die Hügel der Insel gewunden und mit ihrem Körper die auffallenden Strukturen in der Landschaft geschaffen“: Diese mythische Entstehungsgeschichte erzählen sich die Bewohner von Babeldaob zu den auffälligen Merkmalen ihrer Heimat. Die nur 45,8 Kilometer lange und 15,4 Kilometer breite Insel bildet das Zentrum der Republik Palau. Dieser aus vielen Inseln bestehende Staat liegt jeweils etwa 800 Kilometer östlich der Philippinen und nördlich von West Papua im Pazifik. Wie bereits bekannt war, handelt es sich bei den „Spuren der riesigen Schlange“ eigentlich um das Werk früher Bewohner von Babeldaob: Es sind die Überreste eindrucksvoller Systeme ausgedehnter Erdwerke.
Zunächst erscheint dies nicht sehr ungewöhnlich, denn die frühen Kulturen Ozeaniens haben die Landschaften der Inseln oft umgestaltet und auch monumentale Bauwerke sind bekannt – allen voran die Steinfiguren und Zeremonialplattformen auf der Osterinsel. Doch die Spuren auf Babeldaob sind deutlich älter: Sie gehen dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) zufolge nach derzeitigem Kenntnisstand auf die Zeit zwischen 400 v. Chr. und 750 n. Chr. zurück. Zeitlich sind die ersten Erdwerke Palaus damit den Großanlagen in anderen Inselgesellschaften Ozeaniens weit voraus. Möglicherweise spielten die frühen Entwicklungen auf der Insel demnach eine Rolle beim Ursprung des überregionalen Konzeptes der Monumentalität.
Erstaunliche Bauleistungen
Um mehr über die Entstehung, Funktion und Bedeutung der Strukturen auf Babeldaob zu erfahren, hat ein Team von Forschern der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des DAI Untersuchungen der Strukturen durchgeführt. Mithilfe geo-archäologischer Methoden ist das interdisziplinäre Team dabei zunächst dem Aufbau der Terrassen auf die Spur gekommen. Dabei zeigte sich: Als Basis haben die Konstrukteure verwitterte, mit zahlreicher Keramik durchsetzte Vulkanite aufgeschüttet. Die oberen Schichten bestehen hingegen aus sorgfältig aufgebrachtem humosen Boden. Belege für Pflanzgruben in den aufgebrachten Humusschichten deuten dabei auf umfangreichen Gartenbau auf den Terrassen hin.
„Über viele Generationen müssen in einem kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand Millionen Tonnen an Bodenmaterial von Arbeitskräften bewegt worden sein“, sagt Teammitglied Andreas Mieth von der Universität Kiel. Seine Kollegin Annette Kühlem ergänzt dazu: “Vermutlich hatten die Erbauer dafür kaum Werkzeuge zur Verfügung. Und wenn, dann bestand es aus Gestein oder organischem Material. Es handelt sich um Leistungen, die nur in einer politisch gut organisierten Gesellschaft möglich sein konnten“, so die Wissenschaftlerin. Projektleiter Hans-Rudolf Bork von der Universität Kiel hebt zudem noch einen weiteren Aspekt der Anlagen hervor: Die Forscher haben keine Hinweise auf Erosion festgestellt. „Hier wurde also auch technisch sehr nachhaltig gearbeitet“, sagt Bork.





