Als 1986 endgültig klar war, dass der „Jüngling vom Magdalensberg“ kein Original ist, sondern eine Kopie, schien der Glanz seiner atemberaubenden Schönheit ein wenig zu verblassen. Neue Analysen des Metalls und der Gusstechnik ergaben, dass es sich um einen Abguss aus dem 16. Jahrhundert handelt. Dieser war von einer römischen Bronzefigur aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. angefertigt worden, die wiederum die Nachbildung einer hellenistischen Statue war.
Doch die historische Bedeutung der rätselhaften Jünglingsstatue bleibt intakt, sie gilt als einziger römerzeitlicher Fund im Ostalpenraum. Zudem halten Unklarheiten das wissenschaftliche Interesse wach. Vor allem die Frage, wo das römische Original verblieben ist: Spuren aus der Mitte des 16. Jahrhunderts führen nach Spanien in das königliche Schloss von Aranjuez; danach ging die Skulptur in den Wirren der Napoleonischen Kriege verloren.
Den Fund verdankt die Nachwelt einem Bauern aus dem kärntnerischen Magdalensberg, der die Bronzefigur 1502 beim Pflügen des Ackers entdeckte. Er kontaktierte den örtlichen Pfarrer, danach gelangte der Jüngling für längere Zeit in den Besitz des Erzbistums Salzburg. Seit 1806 zählt der eingangs erwähnte Abguss zum Bestand der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien, wo man bis vor knapp 40 Jahren noch annahm, im Besitz des römischen Originals zu sein.
Eine Identifikation der lebensgroßen Figur (1,85 Meter) ist nicht überliefert. Bemerkenswert ist, dass die römische Statue bis ins Detail dem antiken griechischen Schönheitsideal entspricht – in diesem Fall der Darstellung eines nackten, feingliedrigen, makellosen, männlichen Körpers. Stirn- und Nasenkante bilden eine einzige Linie, kein Fältchen durchzieht das glatte, knabenhaft weiche Gesicht, das dichte Kopfhaar ist akkurat onduliert. Auch gab der unbekannte Künstler dem jungen Mann eine selbstsicher wirkende, elegante Haltung. Der angewinkelte rechte Arm könnte eine grüßende Geste sein, während der leicht angehobene linke Fuß, der den Boden nur mit den Zehenspitzen berührt, einen Schritt andeutet.
Doch wie kam die Bronzefigur an ihren Fundort? Das Gemeindegebiet Magdalensberg nordöstlich der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt war Teil des keltischen Königreichs und der späteren römischen Provinz Noricum. Eine eingravierte Inschrift am rechten Oberschenkel des Jünglings verrät, dass die Statue von zwei freigelassenen Sklaven, „Aulus Poblicius Antiocus“ und „Tiberius Barbius Tiberi[a]nus“, gestiftet wurde. Heute zählt der Archäologische Park Magdalensberg zu den größten römischen Ausgrabungsstätten des Ostalpenraumes.
Autor: Rudolf Gruber





