… Am 31. Januar und am 3. Februar 1942 ergaben sich nach enormen Verlusten zuerst im Südteil Stalingrads die Reste des LI. und VIII. Armeekorps mit Paulus – der von Hitler zuvor noch zum Generaloberst und Generalfeldmarschall befördert worden war –, General Schmidt und General Seydlitz. Danach folgte im Nordteil General der Infanterie Karl Strecker mit den Resten des XI. Armeekorps. Um dem Durchhaltebefehl Hitlers zu entsprechen, vermied es Paulus sogar bis zuletzt, selbst die Kapitulation zu unterzeichnen. Die besondere Haltung Seydlitz’ gegenüber Hitlers rücksichtslosem Haltebefehl für die Armee in Stalingrad förderte auch das Wirken des Generals in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft. Mit anderen Offizieren, die zum Teil unter ihm als Divisionskommandeure gekämpft hatten, gründete er am 11./12. September 1943 auf Vorschlag der Sowjetführung den “Bund Deutscher Offiziere” (BDO), der sich als Widerstandsorganisation gegen Hitlers Herrschaft verstand. Beim Zusammenschluß mit dem schon zuvor am 12./13. Juli 1943 gegründeten “Nationalkomitee Freies Deutschland” (NKFD) wurde Seydlitz zu dessen Vizepräsident gewählt. Bis zur Auflösung beider Organisationen durch die Sowjetführung am 2. November 1945 engagierte er sich bei vielen Aktionen des NKFD, um ehemalige Generalskameraden zuerst zum Rückzug auf die alte Reichsgrenze, dann ab Jahresanfang 1944 zur Kapitulation und zum Widerstand gegen Hitler aufzurufen. Erfolg hatten er, das NKFD und der BDO damit nur sehr wenig. In Deutschland wurde Seydlitz für dieses Wirken im NKFD und BDO vom Reichskriegsgericht am 16. April 1944 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Auch Paulus wurde von den Sowjets wiederholt umworben, dem NKFD oder BDO beizutreten. Er zögerte jedoch mit einem Beitritt bis zum August 1944. Erst nach dem Attentatsversuch gegen Hitler durch Oberst Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 engagierte auch er sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus und wirkte öffentlich im Rahmen von NKFD und BDO mit. Daß Paulus – ebenso wie Seydlitz – in der Kriegsgefangenschaft bespitzelt und “bearbeitet” wurde, um letztlich demonstrativ und propagandawirksam gegen Hitler tätig zu werden, ist überliefert. Gleichwohl dokumentieren seine Äußerungen und Erklärungen durch NKFD- und BDO-Flugschriften die feste Überzeugung vom verbrecherischen Charakter der Herrschaft Hitlers und des Nationalsozialismus. Beide standen der Sowjetherrschaft als gesellschaftspolitische Lebensform reserviert gegenüber. Seydlitz lehnte es entschieden ab, für eine Sowjetisierung Deutschlands zu arbeiten. Wiederholt erklärte er, er werde die Arbeit der deutschen Kommunisten weder im noch nach dem Krieg unterstützen. Dagegen verhielt sich Paulus nach 1945 diplomatischer. Seydlitz wurde am 8. Juli 1950 von einem sowjetischen Militärgericht wegen angeblicher Kriegsverbrechen auf russischem Boden zur Höchststrafe von 25 Jahren Haft verurteilt; dagegen fand auf Geheiß von Stalin kein Prozeß gegen Paulus statt. Wie neue Dokumente aus Moskau nach Öffnung der dortigen Archive belegen, hat sich Paulus 1949 sehr unkameradschaftlich und negativ zu einer möglichen Entlassung von Seydlitz geäußert, da er sah, daß dieser in die Westzonen ausreisen würde, während er bereit war, auch in die spätere DDR zu gehen. Nach langer Haft durfte Paulus im Oktober 1953 in die DDR ausreisen; danach hielt er noch gelegentlich Vorträge an der Militärakademie der Nationalen Volksarmee in Dresden. Dort starb er 66jährig am 1. Februar 1957. Seydlitz, der von sowjetischen Stellen als reaktionär und revanchistisch eingestellt bezeichnet wurde, durfte deswegen erst am 4. Oktober 1955 aus der UdSSR-Haft in die Bundesrepublik Deutschland zurückkehren; er starb 87jährig im April 1976 in Bremen.





