Philipp der Gute (1396 –1467), der Vater Karls des Kühnen, gehörte zu den größten Buchliebhabern des 15. Jahrhunderts. Seine umfangreiche Bibliothek umfasste historische, philosophische, literarische, didaktische und fromme Werke. Viele dieser Schriften wurden von den innovativsten Künstlern der burgundisch-niederländischen Territorien illustriert und zählen heute zu den Höhepunkten der europäischen Kunstgeschichte. Das Profil von Karl dem Kühnen als Mäzen und Auftraggeber reichbebilderter Handschriften gewinnt demgegenüber erst langsam Konturen. Karl hat längst nicht so viel Geld und Aufwand in Bücher investiert wie sein Vater, aber die Projekte, die er verwirklichen ließ, sind aussagekräftig. Sie geben Einblick in seine persönlichen, politischen und künstlerischen Wünsche und Zielvorstellungen.
Als Philipp der Gute 1467 in Brüssel verstarb, hinterließ er mindestens 17 umfangreiche Handschriften, die noch nicht fertig illustriert und zum Teil auch noch nicht gebunden waren. Karl der Kühne kümmerte sich zunächst darum, diese unvollendeten Großprojekte zu Ende zu führen. Er beschäftigte verschiedene Buchmaler damit, unter anderem Willem Vrelant und Loyset Liédet. Offenbar lag ihm viel daran, die Projekte so bald als möglich fertigzustellen. Vrelant erhielt schon im Juli 1468 die Bezahlung für die 61 Miniaturen, mit denen er den zweiten der insgesamt drei Bände umfassenden „Chroniken des Hennegau“ ausschmückte. Liédet und seine Werkstatt schufen im Lauf von nur zwei Jahren rund 400 Miniaturen für den Herzog; manchen dieser Illustrationen ist denn auch anzusehen, dass sie unter Zeitdruck entstanden. Beide Buchmaler waren äußerst produktiv und gehörten zu den zahlreichen Künstlern, die in den 1460er und 1470er Jahren wegen der guten Auftragslage von auswärts nach Brügge zugezogen waren. Nicht nur die burgundischen Herzöge und deren Höflinge, auch die städtischen Führungsschichten und internationale Händler, Kaufleute und Bankiers waren zahlungskräftige Auftraggeber und lockten Künstler in die wirtschaftlich florierenden fland-rischen Städte wie Gent, Brügge und Antwerpen.
Sowohl Vrelant wie Liédet illustrierten Chroniken, deren Abschriften und Übersetzungen die burgundi-schen Herzöge in Auftrag gegeben hatten. Die „Chroniques de Hainaut“ erzählen die Geschichte der Grafen von Hennegau von der Antike bis ins ausgehende 13. Jahrhundert. Historische und mythische Überlieferung werden nahtlos ineinander verquickt – die Erzählungen vom Wirken des sagenhaften Königs Artus und seiner Tafelrunde sind selbstverständlicher Teil der „historischen“ Ereignisse. In allen Bildern der Handschrift werden die Episoden aus der Vergangenheit visuell in die Gegenwart der burgundischen Herzöge übersetzt. Königinnen in exquisiten Gewändern und modischen Kopfhauben, Herrscher in prunkvollen Rüstungen, Turnierpferde unter leuchtend farbigen Decken mit heraldischem Dekor, aber auch einfache Bauleute, Diener beim Polieren von Rüstungen oder Sargträger bei einer Totenfeier – sie alle widerspiegeln in idealisierter Überhöhung das zeitgenössische Leben am Hof und in der Stadt.





