Sie konnten dem Massenmord gerade noch entrinnen: Durch die zunehmenden Bedrohungen im nationalsozialistischen Deutschland emigrierten ab 1933 immer mehr jüdische Bürger ins Ausland. Dazu ließen viele Ihr Hab und Gut in sogenannten Liftvans verpackt über die Häfen ins Exil verschiffen. Doch mit dem Beginn des Krieges im September 1939 stoppte dieser Ablauf abrupt: Die zivilen Schiffe durften nicht mehr aus dem Deutschen Reich ins feindliche Ausland auslaufen. Deshalb stapelten sich schließlich die Ladungen massenweise in den Lagerhäusern in die Häfen von Hamburg und Bremen. So wurden sie schließlich kurzerhand zur Beute dieser beiden Städte erklärt: Die Behörden beschlagnahmten ab dem Frühjahr 1940 das jüdische Umzugsgut und beauftragten Gerichtsvollzieher und Auktionshäuser, es öffentlich an die Meistbietenden zu verkaufen.
Aufarbeitung einer Raub-Geschichte
Dieser besonderen Form der Enteignung von Juden hat das Deutsche Schifffahrtsmuseums zwei Forschungsprojekte gewidmet: Seit 2018 haben Kathrin Kleibl und Susanne Kiel in detektivischer Kleinarbeit tausende Dokumente mit Bezug zum Thema aus den Staatsarchiven in Hamburg und Bremen gesammelt und ausgewertet. Daraus entwickelte sich dann die Datenbank „LostLift“. Für die Einträge wurde soweit möglich, der Weg des Umzugsgutes einer Eigentümerfamilie rekonstruiert – vom Verlassen der Wohnung bis zur Beschlagnahmung und der Versteigerung des Eigentums.
Darüber hinaus gibt es teilweise genauere Informationen zu den einzelnen Beteiligten: neben den geschädigten Familien auch zu den Spediteuren, Gerichtsvollziehern und zu den Käufern der versteigerten Güter. Insgesamt gibt es bereits 5500 Einträge im Personenregister. In der seit dem 1. September 2023 frei zugänglichen LostLift-Datenbank können nun etwa Nachfahren der Geschädigten den Abläufen beim Umgang mit dem enteigneten Gut anhand von vorhandenen Anhaltspunkten auf die Spur kommen.
Noch immer bereichern weitere Daten und Einträge die Datenbank und das Team hofft zudem auf spontane Reaktionen auf das Projekt. „Wir wollen mit LostLift auf diesen bisher wenig aufgearbeiteten Aspekt der Beraubung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus aufmerksam machen. Außerdem wollen wir Menschen – vor allem in Bremen und Hamburg – dazu animieren, uns weitere Hinweise zu geben“, sagt Kleibl. Konkret: Vielleicht fallen jemandem spezielle Objekte im Familienbesitz auf, die während des Krieges gekauft wurden.
Eine betroffene Zeitzeugin meldet sich
Wie das Team berichtet, hat das Projekt auch bereits zu einer besonders erfreulichen Reaktion geführt: Eine Betroffene wurde darauf aufmerksam. „Eva Evans ist die erste Zeitzeugin, die sich aufgrund unserer Forschungen meldete. Sonst tun das die Nachfahren“, sagt Kleibl. Wie die 99-Jährige berichtete, war sie 14 Jahre alt, als ihre Eltern in ihrer Berliner Wohnung die Gemälde von den Wänden nahmen und viele weitere Gegenstände in Kisten verstauten, um sie nach Großbritannien zu verschicken. Doch nachdem die Familie in ihrer neuen Heimat angekommen war, wartete sie vergebens auf die Umzugsgüter, die Großbritannien via Schiff erreichen sollten.





