DAMALS: Antike Geschichtsschreiber wie Tacitus berichten, dass Germanicus bei seinen Feldzügen auch den Ort der Varusschlacht aufsuchte. Dort soll er die Überreste der 9 n. Chr. gefallenen Legionäre bestattet haben. Welche archäologischen Beweise gibt es dafür?
Wilbers-Rost: Wir haben in Kalkriese inzwischen acht Gruben mit Knochenresten gefunden. Die Gebeine stammen von Männern, Maultieren und Pferden. Diese Deponierungen bringen wir mit der Bestattungsaktion des Germanicus sechs Jahre nach der Schlacht in Verbindung. Anthropologen und Archäozoologen, die die Knochen analysiert haben, gehen davon aus, dass die Überreste mehrere Jahre an der Oberfläche gelegen haben, bevor sie in die Gruben gelangten.
DAMALS: Laut Tacitus ließ Germanicus einen Tumulus (Grabhügel) anlegen.
Wilbers-Rost: Einen solchen Tumulus haben wir nicht gefunden. Er könnte entweder noch außerhalb der untersuchten Grabungsflächen liegen, oder er wurde bereits in antiker Zeit abgetragen. Tacitus selbst schreibt, die Germanen hätten den Grabhügel nach dem Abzug des Germanicus wieder zerstört. Vielleicht war aber auch der Hinweis auf einen Grabhügel nur ein Topos, ein Sinnbild für eine angemessene Totenfürsorge.
DAMALS: Kann man abschätzen, wie viele Tote in den Gruben bestattet wurden?
Wilbers-Rost: Das lässt sich aufgrund der starken Fragmentierung der Knochen nicht sagen. In einer Grube wurde 17-mal das gleiche Unterkieferfragment gefunden, hier müssen also mindestens 17 Individuen begraben worden sein. Die Hunderte von Knochenbruchstücken, die darüber hinaus in dieser Grube lagen, können theoretisch von wenigen Toten stammen, sind aber vermutlich auf eine viel größere Zahl von Gefallenen zurückzuführen. Eine konkrete Anzahl können wir daher nicht angeben.
DAMALS: Warum ist man sich sicher, dass in den Gruben römische Soldaten bestattet wurden und keine Germanen?
Wilbers-Rost: Einige der gefundenen Knochen weisen Hiebverletzungen auf, die Toten sind also eindeutig Gefallene der Schlacht. Die Robustheit der Knochen, die eine gute Ernährung anzeigt, spricht dafür, dass es sich um römische Legionäre handelt. Vor allem aber ist davon auszugehen, dass die siegreichen Germanen ihre Toten direkt nach der Schlacht bestatteten und sie nicht jahrelang auf dem Schlachtfeld liegen ließen.





