Auch Ronald Reng beruft sich in seinem Sachbuch „1974“ auf „das einzige Mal“, bei „dem zwei deutsche Staaten auf höchstem Niveau gegeneinander Fußball spielten“. Jedoch unternimmt er wohltuender Weise nicht den Versuch, nachträglich vermeintliche „letzte Geheimnisse“ rund um das damalige Geschehen zu enthüllen. Er widmet sein Werk auch nicht der Weltmeisterschaft an sich, sondern er nennt es „1974 – Eine deutsche Begegnung. Als die Geschichte Ost und West zusammenbrachte“. Das ist gut und treffend formuliert, weil Reng keine sporthistorische, sondern eine gesellschaftliche Rekonstruktion vorgelegt und es dabei geschafft hat, ein Ereignis der deutschen Teilung endlich einmal aus gesamtdeutscher Perspektive zu betrachten.
Wer auf sportpolitisch bislang Unbekanntes oder gar Brisantes hofft, wird deshalb hier weniger fündig werden. Und der Leser muss sich mit Geduld und Ausdauer dem Band widmen, damit der literarische Ansatz des Autors seine Wirkung entfaltet. Denn um hinlänglich Bekanntem aus dem Weg zu gehen, schweift Reng mit vielen Episoden und Anekdoten oftmals weit aus, wobei er sich durchaus in langatmigen Nebensächlichkeiten verliert. Doch genau damit will er gesellschaftliche Facetten und Atmosphären greifbar machen, die das Verstehen der frühen 1970er Jahre und ihrer politischen Spannungen erst ermöglichen sollen.
Immer wieder eingestreute sportbezogene Randnotizen und der wiederkehrende Rückgriff auf die Erlebnisse und Erinnerungen damaliger Protagonisten aus Sport, Kultur oder Politik aus Ost und West sorgen dabei als inhaltliche Korsettstangen dafür, dass der Leser den roten Faden nicht verliert.
Entstanden ist so eine nicht uninteressante Schrift, welche die historischen Zwischentöne des Alltags betont und klischeehafte retrospektive Pauschalurteile über das Leben im einst geteilten Deutschland ablehnt. Reng versteht das deutsch-deutsche WM-Derby von 1974 daher auch viel mehr als historische „Büroklammer im deutschen Gedächtnis“, mit der sich eine Vielzahl von Erinnerungen verbinden und zusammenhalten lässt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Ronald Reng
1974 – Eine deutsche Begegnung
Als die Geschichte Ost und West zusammenbrachte
Piper Verlag, München 2024, 432 Seiten, € 24,–





