So hat auch der doppelte Amtseid Obamas religiöse Gründe, wie die Expertin erläutert: Eine ausgelassene Vereidigungsfeier am christlichen Sonntag, auf den sie in diesem Jahr terminlich fällt, sei nicht denkbar. Daher werde die Inauguration am „Lord’s Day“ nur im kleinen Kreis im Weißen Haus begangen. Die große Feier folgt am Montag vor dem Kapitol. Obama wird dann auf die Bibel schwören, obwohl dieses religiöse Element nicht vorgeschrieben ist. Der erste afroamerikanische US-Präsident wählt gleich zwei Bibeln, eine von Abraham Lincoln und eine von Martin Luther King, um an die Sklavenbefreiung und die Bürgerrechtsbewegung zu erinnern. Bei der Inauguration in kleinerem Rahmen am Sonntag wird Obama eine Familienbibel nutzen. „Fast alle Präsidenten schworen auf die Bibel“, so die Forscherin. Ein religiöses Buch sei sogar gesucht worden, als John F. Kennedy ermordet wurde und sein Vize hastig vereidigt werden musste: Lyndon B. Johnson schwor auf ein Messbuch, das sich an Bord des Präsidentenflugzeuges Air Force One fand.
„Viele solcher Beispiele zeigen, wie eng Politik und Religion in den USA verknüpft sind, obwohl die Verfassung die Trennung von Staat und Kirche vorsieht“, so Prof. Bungert. Europäer könnten über die „Zivilreligion“ oft nur staunen. Sie beruht auf jüdisch-christlichen Elementen, bescheinigt den USA einen „Status als Gottes auserwähltes Volk“ und schließt Bekenntnisse zur Nation und ihren Werten ein. Der Umfang der Zivilreligion hängt laut der Expertin auch von den Zeitumständen ab: „Je größer die Krisenstimmung, desto mehr Zivilreligion, die Verbindung schafft.“ Auch bei Obamas Amtseinführung werden zivilreligiöse Elemente eine große Rolle spielen. Schon das Feiermotto „Glaube an Amerikas Zukunft“ demonstriere zu Zeiten anhaltender Wirtschaftsprobleme und nicht erfüllter Wahlversprechen den zivilreligiösen Glauben der US-Amerikaner an eine bessere Zukunft.
Zur Vereidigungsfeier am Montag vor dem Kapitol werden Hunderttausende Menschen erwartet, Millionen werden die Feiern vor dem Bildschirm verfolgen. Beim Eid dürfte dem Obersten Richter nicht derselbe Fehler wie 2009 unterlaufen. Er sprach ihn bei der ersten Amtseinführung von Obama falsch vor, weshalb dieser den Eid auch damals zwei Mal sagte. Obamas Antrittsrede, die seit Ronald Reagan stets mit „Gott segne Sie und die Vereinigten Staaten“ endet, dürfte im TV-Zeitalter kürzer sein als etwa 1841: „William H. Harrison sprach bei frostigem Wetter ganze zwei Stunden, die ihn das Leben kosteten. Der 68-jährige General bekam eine Lungenentzündung und starb einen Monat danach.“ Der Eid und die Rede werden Prof. Bungert zufolge von nationalen Hymnen – diesmal gesungen von Beyoncé, Kelly Clarkson sowie James Taylor – Gebeten und Gottesdiensten umrahmt. „Die Art der Andacht charakterisiert oft das politische Programm.“ So habe Bill Clinton 1997 an einem afroamerikanischen Gottesdienst teilgenommen, Obama 2009 am Tag nach der Inauguration an einer multikonfessionellen Feier. „Damals schuf er ein Novum in der Geschichte der Inaugurationsreden: Er betonte, die US-Nation bestehe aus Christen, Muslimen, Juden, und Hindus, aber auch Nicht-Gläubigen.“ Das Novum 2013: Erstmals spricht eine Frau das Eröffnungsgebet, die afroamerikanische Bürgerrechtlerin Myrlie Evers-Williams, die zugleich erstmals keine Geistliche ist. Die Feiern sind also hauptsächlich durch Traditionen, aber auch durch Innovationen gekennzeichnet.





