So entstand bereits im Kaiserreich ein Zielkonflikt zwischen ökonomischer Rationalität, die die ausländischen Arbeitskräfte als flexibel einsetzbaren „Konjunkturpuffer” hoch schätzte, und der nicht selten schon rassistisch argumentierenden Furcht vor politisch-sittlicher Zerrüttung infolge der Einwanderung, etwa die der Polen. In seiner formalen Struktur ist dieser Zielkonflikt in der Geschichte der Bundesrepublik seit den Konjunktureinbrüchen der 60er und 70er Jahre wiederum deutlich erkennbar. Man mag bedauern, daß demgegenüber der Abschnitt über die Weimarer Republik recht kurz geraten ist, entwickelt sich doch in dieser Periode das Zusammenspiel zwischen demokratisch legitimiertem Rechtsstaat einerseits und starkem, zunehmend zentralisiertem Verwaltungsstaat andererseits. In diesem letzteren Bereich liegen denn auch manche Kontinuitäten zu den von Herbert ausführlich analysierten Mechanismen der NS-Zeit. Starkes staatliches Steuerungsinstrumentarium, tief verwurzelte kollektive Stereotypen vom minderen kulturellen Wert anderer Völker, der sich seit Mitte der dreißiger Jahre verschärft abzeichnende Arbeitskräftemangel, schließlich die enthemmende und die Handlungsspielräume präzedenzlos erweiternde Wirkung des Zweiten Weltkrieges lagen an der Wurzel der nationalsozialistischen Exzesse im Hinblick auf die „Ausländerpolitik”.
Ähnlich wie dies nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war, sank die Zahl der Ausländer in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zunächst rapide ab. Erst mit dem Wirtschaftswachstum der 1950er Jahre, das schon die große Zahl der Vertriebenen auf dem Arbeitsmarkt absorbierte, stellte sich die in der Struktur altbekannte Nachfrage nach „billigeren” ausländischen „Gastarbeitern” wieder ein. In der Folgezeit blieb die bundesrepublikanische Ausländerpolitik eine weitgehend abhängige Variable von der jeweiligen konjunkturellen Situation. Der Wirtschaftseinbruch des Jahres 1966, dann aber vor allem die Rezession der 1970er Jahre und das nur noch gebremste Wachstum der 1980er Jahre verschärften den Ton der Debatte. Der Versuch der Regierung Helmut Kohls, 1984 durch Rückkehranreize die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Ausländer signifikant zu verringern, mißlang. Zur gleichen Zeit gewann das Thema eine neue Dimension durch den Zustrom von „Flüchtlingsmigranten”, die in der Bundesrepublik um politisches Asyl nachkamen.
Ulrich Herbert informiert in seinem Buch solide und legt die historischen und ökonomischen Voraussetzungen des Themas dar. Damit leistet er einen substantiellen Beitrag zur Versachlichung eines politisch immer wieder brisanten Themas. Der historisch-politischen Aufklärung im besten Sinne dienend, sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre all jener Politiker gehören, die sich in Parteien, Parlamenten und Ministerien mit ausländerpolitischen Fragen beschäftigen.





