An die Stelle eines Zentralstaates setzt Mann für die Zeit des Mogulreichs eine prekäre Balance zwischen dem Hof in Delhi und den verschiedenen regionalen Machthabern, seien es Rajputen, Marathen oder von Delhi entsandte Gouverneure, die zumeist ihren persönlichen Vorteil über den des Reichs stellten. Entsprechend war das 18. Jahrhundert in Manns Darstellung denn auch weniger eine Periode staatlichen Niedergangs als eine Neuordnung oder Reterritorialisierung politischer Macht – allerdings unter Beteiligung der englischen Ostindienkompanie, die bald begann, diese Entwicklung wieder umzukehren.
Die ihr von der englischen Kolonialherrschaft aufgezwungene staatliche Einheit versuchte die indische Nationalbewegung vom ausgehenden 19. Jahrhundert an auf ihre eigene Weise nachzuholen. Dies gelang ihr jedoch nur mit Hilfe eines einenden Feindbildes: der Kolonialherrschaft, weshalb die Nationalbewegung unter der Führung des Indian National Congress (INC) trotz landesweiter Aktionen wenig Kohärenz besaß: Am Vorabend der Unabhängigkeit war Indien als Nation gescheitert.
Aber statt der englischen Regierung die Alleinschuld an der blutigen Teilung des Subkontinents zu geben, hätte man konsequenterweise die Teilung als unausweichliche Fortsetzung dieser fragmentarischen Natur des indischen Staates darstellen können. Im Angesicht der jüngeren Forschung und des Umstandes, dass sowohl Pakistan als auch Bangladesch inzwischen ihre eigene nationale Identität zu behaupten wissen, birgt diese Sicht der Teilung heute weniger politischen Zündstoff als noch vor 25 Jahren.
Auch die folgende Darstellung ist nochmals eher konventioneller Geschichtsschreibung verpflichtet: Themen sind die Rivalität zwischen Indien und Pakistan (Kaschmir-Konflikt, atomarer Wettlauf, neuerdings auch Wasserkonflikte) und die ökonomische Entwicklung Indiens von der Planwirtschaft zur Liberalisierung. Dagegen erfährt man wenig über die verschiedenen Regionalbewegungen, deren politische Bedeutsamkeit etwa bei der Schaffung neuer Bundesstaaten oder bei Wahlen (Regionalpartei DMK im tamilsprachigen Süden) wiederholt augenscheinlich geworden ist.
Dabei hätte gerade die letztgenannte Bewegung auch eine Verbindung herstellen können zu den in Manns Buch ausführlich berücksichtigten Ereignissen in Sri Lanka: Indiens Unterstützung tamilischer Rebellengruppen war immer von der Absicht geleitet, den tamilischen Separatismus vom eigenen Territorium in ein weniger brisantes Aktionsfeld zu verlagern.
Der Text wird mehrfach durch eingeschobene Erläu‧terungen und Quellenüber‧setzungen bereichert und aufgelockert. Dennoch sind insbesondere die Kapitel zum 19. und 20. Jahrhundert, für die es eine gewaltige Informationsmenge auf wenig Raum zu bewältigen galt, nicht immer leicht zu lesen und setzen gelegentlich Vorwissen voraus.





