Tatsächlich war Anita Nachtigall keine Kollegin der Angestellten der Leuna-Werke, sondern Protagonistin einer im Auftrag des Fernsehens der DDR hergestellten vierteiligen Filmreihe von Frank Beyer beziehungsweise des dem Film zugrundeliegenden Romans von Eberhard Panitz. „Die sieben Affären der Doña Juanita“ ist die Geschichte einer Architektin, die im norddeutschen Dobbertin ein Kraftwerk und eine Stadt plant, ihre geliebte Stelle im Baukombinat aber kündigen möchte, weil ihr die vielen Gerüchte über ihr vermeintlich ausschweifendes Liebesleben zu viel werden: Im Werk beschäftigte Frauen hatten sich etwa bei der Betriebsleitung beschwert oder Nachtigalls Beziehungsleben in Wandzeitungen thematisiert. Da die Betriebsleitung die Mitarbeiterin schätzt, beauftragt sie den Sicherheitsinspektor des Betriebs mit der Klärung dessen, was sich hinter den Gerüchten um die Angestellte verbirgt – mit dem Ziel, diese zu beenden und die Mitarbeiterin von der Kündigung abzubringen.
Buch und Film schildern die verschiedenen Beziehungen von Anita Nachtigall, die innerhalb eines Jahrzehnts mehrere Männer kennenlernt, von denen sie mit nur wenigen eine Beziehung eingeht, darunter eine Liaison mit ihrem verheirateten Vorgesetzten. Die Protagonistin wird schließlich vom Vorwurf des „Männerheldentums“ befreit, sieht von ihrer Kündigung ab
und heiratet den Sicherheitsinspektor.
In DDR-Betrieben wird der Fall „Doña Juanita“ rege diskutiert
Obwohl es sich bei der Architektin um eine fiktive Figur handelt, war die Diskussion um ihr Beziehungsleben und die Rolle der Kolleginnen und Kollegen darin in VEBs der DDR Realität: Von der Gewerkschaft oder dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands eingeladen, las und diskutierte der Autor des Romans das Handeln „Doña Juanitas“ und ihres Umfelds in verschiedenen Betrieben. In anderen Kollektiven oder Arbeitsgruppen besprachen die Beschäftigten den Film ohne entsprechendes Programm, so etwa in der Leunaer Brigade der WAO, die darüber einen Brigadebucheintrag anfertigte.
Die Geschichte der „Doña Juanita“ und ihre Rezeption zeigen, dass in Betrieben der DDR der 1970er Jahre das Privatleben der Betriebsangehörigen intensiv verhandelt wurde: sowohl inoffiziell seitens des kollegialen Umfelds durch Gerüchte und Bloßstellungen als auch ganz offiziell seitens der Vorgesetzten beziehungsweise Parteifunktionärinnen und Parteifunktionären im Betrieb.
Den sich durch diese Praktiken im Betrieb entspinnenden Herrschaftsverhältnissen und der Frage, welche Rolle das Geschlecht hierbei spielte, widmet sich die diesem Artikel zugrundeliegende Doktorarbeit „Sexismus im Betrieb. Geschlecht und Herrschaft in der DDR-Industrie“. Diese arbeitet die informellen Mechanismen heraus, mit denen männliche Vorgesetzte und Kollegen
in DDR-Industriebetrieben der 1960er, 1970er und 1980er Jahre ihre hegemoniale Position reproduzierten und damit Arbeiterinnen, weibliche Angestellte, Vorgesetzte oder Genossinnen diskriminierten und unterdrückten.





