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Gestank, Enge und das Hämmern der Schmiede
Das antike Rom war vor allem eines: groß. Das machte das Leben in der Metropole zu einer einzigartigen Herausforderung. Wenig verwunderlich, dass die antiken Autoren über Lärm, Schmutz, hohe Mieten und katastrophale Verkehrsverhältnisse klagten.
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von FELIX MELCHING
Hier stößt mich einer mit dem Ellbogen, ein anderer versetzt mir mit einem harten Kantholz einen Stoß. Der dritte aber rammt mir einen Balken, der vierte ein Fass an den Kopf. Die Beine sind dick überzogen mit Straßendreck, bald darauf werde ich von allen Seiten mit großen Sohlen getreten, und der Nagelschuh eines Soldaten bleibt mir im Zeh stecken.“ Der Natur seiner Texte gemäß, übertrieb der antike Autor Juvenal (um 60 – nach 128 n. Chr.) in seinen Satiren, als er die Verhältnisse auf den Straßen Roms beschrieb.
Doch die Schilderungen enthielten gewiss einen wahren Kern, hatte sich doch schon 100 Jahre zuvor auch der römische Dichter Horaz (65– 8 v. Chr.) regelrecht verstört vom Lärm und Chaos auf den Straßen Roms gezeigt: „Da hetzt rücksichtslos ein Bauunternehmer mit seinen Maultieren und Trägern über die Straße; dort hievt ein Kran bald einen Steinblock, bald einen Riesenbalken in die Höhe, düstere Leichenzüge liegen im Wettstreit mit schweren Lastfuhrwerken. Hier ist ein tollwütiger Hund auf der Flucht, dort rast eine schmutzstarrende Sau vorbei. Geh nun hin und überlege dir wohlklingende Verse! … Hier soll ich mitten in den Fluten und Stürmen der Großstadt in Stimmung kommen, um Worte zu fügen, die die Lyra zum Klingen bringen?“ Auch sein Dichterkollege Martial (um 40 – um 100) klagte darüber, dass der Lärm ihm die Arbeit schwermachte: „Morgens quälen dich die Grundschullehrer, nachts die Bäcker und tagsüber das Hämmern der Kupferschmiede … Und die Fanatiker des Bellona-Kults hören nie auf zu schreien.“
Gut leben ließ es sich in Rom durchaus – wenn man Geld hatte: „Geschlafen wird in Rom nur, wenn man sehr reich ist“, konstatierte Juvenal. Und recht hatte er: In den großen Häusern oben auf dem Esquilin-Hügel schlief die römische Elite ruhig. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Brot, Honig, Milch und Obst, einer gepflegten Rasur durch einen Sklaven und dem Anlegen der Toga konnte sich der römische Bürger gut erholt seinen Geschäften und den Anliegen seiner Klienten widmen.
Chaotisch und überfüllt: In den Mietshäusern ist es viel zu laut, um zu schlafen
Die große Masse der römischen Bevölkerung aber lebte in tiefer gelegenen, ständig von Überschwemmungen bedrohten und aufgrund des feuchteren Klimas sehr mückenreichen Vierteln in sogenannten insulae – sechs bis sieben Stockwerke hohen Wohnblocks, in denen es aufgrund der vielen Bewohner schwerfiel, zur Ruhe zu kommen.
Nicht die Triumphbögen und Foren, die Thermen, Tempel und Bibliotheken, die Arenen und die Theater prägten das Stadtbild Roms, sondern die mehr als 46 000 insulae. Im Inneren der einzelnen Häuser galt: Je höher man im Treppenhaus stieg, desto günstiger wurden die Wohnungen und desto elender das Leben seiner Bewohner. Die größten und schönsten Wohnungen der höheren Beamten und wohlhabenden Kaufleute befanden sich im ersten Stock direkt über den Läden und Werkstätten im Erdgeschoss. Unten zu wohnen war lange vor der Erfindung des Fahrstuhls deutlich bequemer und immer dann, wenn – was häufig vorkam – ein Brand ausbrach, auch um einiges sicherer.
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Generell galt: Eine Wohnung in Rom war um ein Vielfaches teurer als in allen anderen Städten des Imperiums. Die Hausverwalter, die für die Besitzer die Mieten kassierten (und einen Teil davon selbst einstreichen durften), hatten zudem rabiate Methoden, das Geld einzutreiben. Da wurden schon einmal Wohnungstüren einfach zugemauert.
Um die hohen Mieten bestreiten zu können, nahmen viele Bewohner daher Untermieter bei sich auf, so dass in den oberen Stockwerken häufig mehrere Familien auf engstem Raum zusammenlebten. Privatsphäre gab es nicht, es war eng, schmutzig und laut. Trotzdem stieg die Zahl der Obdachlosen in der Stadt stets zu jenen Terminen im Jahr drastisch an, an denen die Mietverträge ausliefen und die Mieten wieder einmal erhöht wurden.
Für Ordnung im Haus sorgten Hausmeister und zum Haus gehörende Sklaven. Sogenannte aquarii, Wasserträger, hatten dafür zu sorgen, dass immer Wasser im Haus war – wegen der Brandgefahr war dies eine unerlässliche Sicherheitsmaßnahme. Das Löschwasser wurde in großen Krügen im Treppenhaus gelagert – neben anderen, in denen der Urin aus den Nachttöpfen der Bewohner landete. Lokale Wäschereien holten Letztere regelmäßig ab – ihnen diente der Urin als Waschmittel.
Gefahr drohte nicht nur durch Brände, sondern auch durch unsachgemäße Arbeit der Bauunternehmer. Doch Katastrophen boten immer auch Chancen, und zu wertvoll waren die Grundstücke, um sich von Unglücken abschrecken zu lassen: „Niemanden hat ein Einsturz davor abgeschreckt, Häuser zu errichten. Und wenn ein Brand die Hausgötter mit sich genommen hat, legen wir auf dem warmen Baugrund neue Fundamente“, wusste der Philosoph Seneca (um 4 – 65) zu berichten.
Allzu viel Zeit verbrachten die Mieter in ihren engen Wohnungen indes nicht. Das eigentliche Leben fand auf der Straße statt – die jedoch kaum weniger eng war als die Häuser links und rechts von ihr. Nur wenige große viae durchzogen die Stadt, es dominierten kleinere Gassen (vici) und Pfade (semitae). Auch deshalb war es Fuhrwerken in der Kaiserzeit verboten, die Straßen tagsüber zu benutzen. Noch in der Dunkelheit, in den frühesten Morgenstunden, rollte der Lieferverkehr zu den Läden und Händlern – und die Menge an Waren, die transportiert wurden, ist kaum hoch genug einzuschätzen.
Die Metropole braucht den permanenten Zustrom von Lebensmitteln und anderen Waren
Rund um die Uhr trafen Lieferungen aus dem ganzen Imperium unten am Tiber ein, um den riesigen Hunger der Millionenstadt zu stillen, denn sich wie andere Städte aus seiner Umgebung zu versorgen war für Rom unmöglich: „Das Überleben des römischen Volkes ist Schiffen und Zufällen anvertraut“, kommentierte Tacitus (um 55 – nach 115). Und so beförderten Lastkähne rund um die Uhr Getreide, Öl, Tiere, Holz, Metall, Stoffe, Luxusgüter und Sklaven von Ostia aus den Tiber hinauf.
Ein wesentlicher Teil der Lebensmittel landete in den Kornkammern der Stadt, den horrea, den großen Lagerhäusern, die direkt am Tiber, etwa auf Höhe des heutigen Stadtteils Testaccio lagen. Dessen Name leitet sich von den Tonscherben der schweren, rund 70 Liter fassenden Amphoren ab, in denen Olivenöl transportiert und gelagert wurde; denn diese wurden nicht wiederverwendet, sondern zerschlagen und auf einer Müllhalde deponiert: dem heutigen Monte Testaccio (lateinisch testa = Scherbe).
Die Läden, in denen die eintreffenden Waren schließlich landeten, befanden sich in den Erdgeschossen der insulae. Schwere Holzläden verschlossen sie nachts zur Straße hin. Morgens wurden die Bretter abmontiert. Hinter ihnen verbarg sich ein gemauerter Tisch, der als Verkaufstheke diente. Spezialisierte Händler sammelten sich in bestimmten Straßenzügen. Viele Buchhändler fanden sich überraschenderweise in der Subura, einem eher ärmlichen Viertel – in dem aber auch Gaius Julius Caesar wohnte.
Die meisten Geschäfte hatten nur am Vormittag geöffnet. Der Morgen war daher die Stunde der Haussklaven und derer, die sich diese nicht leisten konnten und ihre Besorgungen selbst machen mussten. Aber nicht alle Waren landeten in Geschäften. Voll und laut war es vor allem auf dem Forum Boarium, dem Viehmarkt. Neben Rindern, Schweinen und Hühnern wurden dort auch exotische Tiere wie Pfauen, Schildkröten, Papageien und Affen gehandelt. Als besondere Delikatesse galten überdies Siebenschläfer. Zum Teil wurden die Tiere direkt vor Ort geschlachtet und zerteilt.
Der Viehmarkt war ein Ort, an dem sich vor allem Männer einfanden, denn Einkaufen galt als Männersache. Da nicht nur lokale Händler vertreten waren, verständigten sich Käufer und Verkäufer über ein Zeichensystem, das ihnen erlaubte, unter Einsatz beider Hände alle Zahlen bis 10 000 anzuzeigen. Wo man sich indes mündlich verständigte, geschah dies auf eine Weise, die nicht allzu viel mit dem Latein unserer Schulbücher zu tun hatte: Im gesprochenen Wort wurde vieles unsauber ausgesprochen, wurden Silben verschluckt, umgangssprachliche Wörter gebraucht und Ausdrücke aus lokalen Dialekten verwendet. Verhandelt wurde stets mit großem Engagement – wer einen Preis sofort akzeptierte, hatte zu viel bezahlt oder zu wenig verlangt.
Das Römische Reich ruht auf den Schultern der Sklaven
Nicht weniger rauh ging es auf dem Sklavenmarkt zu. Diese wurden auf Podesten ausgestellt, ein Schild um den Hals wies auf die wichtigsten Eigenschaften hin. Gefragt waren Körperkraft, Anpassungsfähigkeit und Genügsamkeit, aber auch Sprachkenntnisse oder eine besondere Ausbildung. Beherrschte ein Sklave ein Handwerk, konnte er für einen Käufer ein gutes Investment darstellen – und der Sklave selbst auf ein erträgliches Los hoffen.
Im besten Fall wurden gut ausgebildete Sklaven von ihrem Besitzer mit einem Laden oder einer Werkstatt ausgestattet, erwirtschafteten für diesen Gewinne, durften aber auch selbst einen Teil der Einnahmen für sich behalten und sich mit dem Ersparten schließlich freikaufen. Ein noch besseres Dasein winkte gut ausgebildeten Sklaven in der Verwaltung des Reiches. Doch der Sklavenmarkt war und blieb eine brutale Lotterie: Wer Pech hatte, landete in den Steinbrüchen oder auf den Landgütern vor der Stadt.
Ein großer Teil der auf dem Markt angebotenen Sklaven waren Kriegsgefangene, in Phasen relativen Friedens an den Grenzen überwogen jedoch solche, die von Händlern außerhalb des Reiches eingekauft wurden. Die Händler (mangones) hatten einen schlechten Ruf, galten als wenig vertrauenswürdig und standen trotz guter Profite entsprechend weit unten in der sozialen Hierarchie.
Kritik an den Verhältnissen gab es zwar, grundsätzlich in Frage gestellt wurde die Sklaverei jedoch auch von moralisch anspruchsvolleren Zeitgenossen nicht, wussten doch auch diese, dass die körperliche Arbeit der Sklaven die teils so modern anmutende römische Lebensweise erst ermöglichte. Das Römische Reich ruhte auf den starken Schultern der Sklaven.
Die Straßen Roms waren überfüllt, staubig und laut – und voller Gerüche: Hier noch wehte dem Passanten der bestialische Gestank aus einem der Gullys des Abwassersystems oder einer der 144 öffentlichen Toiletten in die Nase, einen Schritt weiter schon duftete es appetitlich aus einer der zahllosen Garküchen. Lastenträger und fliegende Händler, Soldaten auf Urlaub und reiche Togaträger, Menschen aus aller Welt, seien es Kelten, Thraker, Äthiopier, Ägypter oder Germanen, hetzten von A nach B und drängten sich durch das Gewusel – durch diese Stadt, die so viel größer war als jede andere ihrer Zeit, so voller Menschen, und wo das Leben eigene Regeln und so gar nichts mit dem gemächlichen, gemütlichen Leben in der Provinz oder auf dem Land zu tun hatte.
Doch neben dem quirligen Rom der Wohnviertel und der Märkte, der Straßen und Gassen, der Garküchen, Wäschereien und Buchläden existierte noch ein weiteres: das prachtvolle Rom. Das war das Rom der Tempel, Theater und kaiserlichen Gärten, der Thermen und nicht zuletzt – der Foren.
Morgens auf dem Forum handeln, nachmittags die Thermen genießen
Lucius Tarquinius Priscus, der sagenhafte fünfte König Roms, soll derjenige gewesen sein, der um das Jahr 600 v. Chr. herum durch den Bau von Kanälen die sumpfige Ebene zwischen Palatin und Kapitol hat trockenlegen lassen. In der Folge entwickelte sich der Ort, an dem einst der Velabro floss, zum Marktplatz und Treffpunkt. Doch erst Renovierungsarbeiten und der Bau neuer Tempel nach dem Ende der Punischen Kriege (146 v. Chr.) und schließlich die umfassende Neugestaltung unter Augustus, der großzügige Einsatz von weißem Marmor und Travertin-Pflaster machten das Forum Romanum zu jenem berühmten, prächtigen Platz aus der Kaiserzeit.
Rund um ihn herum befanden sich die zentralen Orte des offiziellen Roms: die Gerichtsgebäude, die berühmte Rednerbühne Rostra Vetera, der Umbilicus Urbis (der „Nabel der Stadt“) und die Curia, wo der Senat tagte und deren prächtige Bronzetüren heute die Basilica di San Giovanni in Laterano schmücken.
Über den ganzen Vormittag hinweg füllte sich das Forum mit Menschen. Hier wurde geredet und diskutiert, wurden Nachrichten ausgetauscht, Geschäfte eingefädelt. Doch das Forum wurde mit der Zeit zu klein für die expandierende Stadt, so dass neben dem Forum Romanum fünf weitere Foren gebaut wurden, die sogenannten Kaiserforen, benannt nach Caesar, Augustus, Vespasian, Nerva und Trajan.
Überhaupt wurde in Rom ständig gebaut, wurden Gebäude abgerissen und noch größer und noch prächtiger wieder aufgebaut. Jeder römische Kaiser wollte die Stadt neu gestalten – für immer mit seinem Namen verbinden.
Während der Vormittag der Arbeit und den Geschäften vorbehalten war, diente der Nachmittag dem Vergnügen und der Entspannung, zum Beispiel bei einem Besuch in den Thermen. Es gab Hunderte kleinerer Badeanstalten (balnea) – und einige sehr große. Der Eintritt zu den Thermen war überaus günstig, und das war auch gut so, denn ein reinlicher Römer besuchte sie jeden Tag. Andererseits wurde jede erbrachte Dienstleistung extra berechnet, angefangen mit dem Zugang zu den Umkleideräumen.
Das Erste, was dem Besucher auffallen musste, wenn er sich den Thermen nur näherte, war der Geruch, wurden die Kessel doch mit Holz befeuert. Während eine kleine Badeanstalt häufig nur aus einem Raum bestand, waren große Anlagen wie die am 22. Juni 109 eröffneten Trajansthermen ausgedehnte Freizeiteinrichtungen mit vielen verschiedenen Bereichen. Innerhalb der riesigen Anlagen befanden sich neben dem Badebereich auch ein Park, in dem man flanieren und sich entspannen konnte, eine Bibliothek sowie mehrere Speiselokale.
Zeitgleich konnten sich hier bis zu 3000 Menschen vergnügen. Ursprünglich waren dabei verschiedene Zeiten für die Benutzung durch Männer und Frauen vorgesehen, tatsächlich hielt sich fast niemand daran – zum Verdruss einiger sittenstrenger Autoren.
Der eigentliche Badevorgang bestand aus dem Besuch der Aufwärmhalle (tepidarium), der Hitzehalle (calidarium) und der Abkühlhalle (frigidarium). Hartgesottene Zeitgenossen besuchten zudem das iaconicum, einen besonders heißen Raum, in dem die Luft im Gegensatz zum calidarium aber trocken und rund 60 Grad warm war. Frauen wurde vom Besuch des kühleren frigidarium abgeraten, weil heftige Temperaturwechsel für sie als ungesund galten.
Tatsächlich bekamen diese auch dem Kreislauf vieler Männer nicht – weshalb die Trajansthermen über eine eigene Krankenstation verfügten. Wer heute eine Vorstellung davon erhalten will, welche Ausmaße die einzelnen Räume hatten, dem sei der Besuch der Kirche Santa Maria degli Angeli in der Nähe des römischen Hauptbahnhofs Termini empfohlen: Ihr Innenraum entspricht in Teilen dem frigidarium der ehemaligen Diokletian-Thermen.
Nachts herrscht in den Gassen völlige Dunkelheit
Nach dem Saunagang konnten die Besucher sich im Park entspannen oder eine Massage nehmen. Doch am späten Nachmittag leerten sich die Thermen, das öffentliche Leben kam zur Ruhe. Zwar verfügte die Millionenstadt Rom schon in der Antike über ein reges Nachtleben – in den Kneipen, Bordellen und Spielhöllen war immer etwas los –, doch die meisten Bewohner der Stadt aßen, ganz anders, als es heute in Italien üblich ist, relativ früh zu Abend und sahen zu, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause waren. Denn eine Straßenbeleuchtung gab es im antiken Rom nicht, weshalb die tagsüber so belebten Straßen der Stadt den Ruf hatten, in der Nacht ein äußerst gefährliches Pflaster zu sein. Die fast völlige Dunkelheit in der Nacht – womöglich ist gerade dies der größte Unterschied zwischen der antiken Millionenstadt und jeder modernen Metropole.
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