Die Jungsteinzeit war die Zeit eines drastischen Wandels, der bis heute unsere Welt prägt: Ab etwa 9500 v. Chr. wurden zunächst Menschen im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds in Vorderasien von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern, die Landwirtschaft und Viehhaltung betrieben. Anschließend breitete sich diese Lebensweise immer weiter aus und erreichte schließlich auch Nordwesteuropa. Nachdem man lange angenommen hatte, dass diese Ära dort von einem eher friedlichen Leben gekennzeichnet war, änderte sich dieses Bild zunehmend: Verletzungsspuren an menschlichen Überresten an verschiedenen Fundorten und sogar Hinweise auf regelrechte Massaker legten nahe, dass Gewalt damals keine Ausnahmeerscheinung war.
Jungsteinzeitlicher Gewalt auf der Spur
Um zu einem klareren Gesamtbild für den Bereich Nordwesteuropa zu kommen, haben die Wissenschaftler um Linda Fibiger von der University of Edinburgh dem Thema nun eine Überblicksstudie gewidmet. Sie haben dazu vorhandene Untersuchungsdaten ausgewertet, die Skelettreste von insgesamt mehr als 2300 frühen Bauern umfassen, die im Zeitrahmen von vor etwa 8000 bis vor 4000 Jahren gelebt haben. Sie stammen von 180 unterschiedlichen Fundstätten in Dänemark, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und Schweden. Die Knochen waren mit bioarchäologischen Methoden untersucht worden, um Auffälligkeiten mit Hinweischarakter aufzudecken.
Die Forscher verdeutlichen im Rahmen ihrer Studie zunächst, dass es bei der Interpretation von bioarchäologischen Ergebnissen zwar einige Faktoren und Einschränkungen zu beachten gilt. Doch der Wert ist enorm: “Menschliche Knochen können Archäologen die deutlichsten Hinweise auf vergangene Feindseligkeiten liefern“, sagt Fibiger. “Die Möglichkeiten, zwischen tödlichen Verletzungen und postmortalen Brüchen zu unterscheiden, haben sich in den letzten Jahren auch stark verbessert, ebenso wie die Unterscheidung zwischen zufälligen Verletzungen und Angriffen mit Waffen“, sagt die Forscherin.
Düsteres Gesamtbild
Das Team wertete die gesammelten Daten im Hinblick auf die Anzeichen von Verletzungen aus, die vorwiegend den Schädel betreffen. Es handelte sich meist um die Folgen von Gewalteinwirkung durch stumpfe Gegenstände oder Steinäxte. Es gibt zudem auch Beispiele für durchdringende Verletzungen, die vermutlich von Pfeilen stammen. Wie das Team berichtet, sind solche Spuren bei Skeletten aus der Jungsteinzeit im Vergleich zu Toten aus der vorhergehenden Jäger-und-Sammler-Ära deutlich häufiger zu finden. „Insgesamt zeichnet sich in den meisten neolithischen Gesellschaften in Europa eine Häufigkeit von Individuen mit Anzeichen von Trauma von bis zu etwa zehn Prozent ab“, schreiben die Forscher. Im Fall von Massengräbern, die auf umfangreiche Gewalttaten hinweisen, liegen die Raten deutlich höher.





