Mit einem Aufschrei soll Augustus seiner Verzweiflung Luft gemacht haben, als er im Herbst des Jahres 9 n. Chr. von der Vernichtung seines Heeres in Germanien unter dem Kommando des Publius Quintilius (auch Quinctilius) Varus erfahren hatte: Quintili Vare, redde legiones („Quintilius Varus, gib die Legionen zurück“). So berichtet jedenfalls Sueton in seiner Biographie des Augustus, die er allerdings mehr als 100 Jahre später abgefasst hat. Varus und die Niederlage im saltus Teutoburgiensis, im „Teutoburger Waldgebirge“, wie Tacitus den Ort der Katastrophe nennt, das ist die Kennzeichnung, mit der Publius Quintilius Varus gerade in das Gedächtnis der Deutschen eingegangen ist.
Die Nachricht soll in Rom panikartige Reaktionen ausgelöst haben. Man befürchtete angeblich eine Invasion der aufständischen Germanen über den Rhein hinweg in die gallischen Provinzen. Für Augustus selbst war die Vernichtung dreier Legionen und zahlreicher Hilfstruppen eine höchst problematische Nachricht. Eben erst hatte sein Adoptivsohn Tiberius nach vierjährigen kräftezehrenden Kämpfen einen weit ausgedehnten Aufstand in den Provinzen Pannonien und Dalmatien zwischen mittlerer Donau und dalmatinischer Küste niedergeworfen. Fast die Hälfte des Reichsheers war dort zum Einsatz gekommen. Tiberius hatte einen Großteil der Provinz Pannonien erst zwischen den Jahren 12 und 9 v. Chr. für das Reich gewonnen. Parallel dazu hatte damals sein Bruder Drusus das rechtsrheinische Germanien bis zur Weser und zur Elbe unterworfen. Nun wollte im Jahr 9 n. Chr. auch dieses Gebiet östlich des Rheins, das seit eineinhalb Jahrzehnten als Provinz Germania ein Teil des Reichs geworden war, durch eine Revolte vieler Stämme die Freiheit zurückgewinnen. Eine Provinz des römischen Volkes wäre damit verlorengegangen. Das wäre ein ungeheurer Prestigeverlust für Augustus nach einem langen, auch als Eroberer sehr erfolgreichen Leben gewesen. Natürlich konnte er das nicht akzeptieren. Augustus ordnete deshalb sofort die Rückgewinnung des Verlorenen an, nicht anders als in Pannonien.
Tiberius, Augustus’ Adoptivsohn, der nach seinem Tod die Herrschaft im Reich übernehmen sollte, wurde zunächst erneut mit dem Gesamtkommando am Rhein betraut. Die verlorenen Legionen wurden nicht nur durch andere ersetzt, die dortige Armee wurde sogar von sechs auf acht Legionen aufgestockt. Es war Augustus’ klares Ziel, die verlorene Provinz wiederzugewinnen. Im Jahr 11 übernahm Germanicus, der Sohn des ersten Germanenbezwingers Drusus, das Generalkommando am Rhein; nach einem Sieg im Jahr 13 wurde Augustus ein letztes Mal als Sieger, als Imperator, akklamiert. Der Zentralort des Stammes, der in der Nähe des heutigen Waldgirmes an der Lahn siedelte, war nach der Varusschlacht von den Germanen zerstört worden; doch die Römer machten sich sogleich daran, die Stadt wiederaufzubauen. Augustus unternahm also alles, um die größtenteils verlorene Provinz wiederzugewinnen. Das erfolgreiche Ende dieser Politik erlebte er jedoch nicht mehr; er starb im August des Jahres 14 n. Chr.





