Monumentale Erdpyramiden, Verteidigungsanlagen und Häuser für Zehntausende von Einwohnern: Im 12. Jahrhundert stand unweit vom heutigen St. Louis die größte präkolumbische Stadt nördlich von Mexiko: Cahokia. Funde belegen, dass sich die Menschen hier sogar mit Astronomie beschäftigten. Hölzerne Pfähle dienten der Ermittlung der Frühjahrs- und Herbst-Tagundnachtgleiche. Das hat Cahokia analog zum englischen Stonehenge den Spitznahmen „Woodhenge” eingebracht. Die Stadt gilt als das Hauptzentrum der Mississippi-Kultur, die damals das Tal des mächtigen Flusses prägte. Der Maisanbau auf dem fruchtbaren Schwemmland bildete die Nahrungsgrundlage der Menschen und brachte die Kultur zur Blüte. Bis um 1200 hielt sie an, dann setzte der Niedergang ein und Cahokia wurde schließlich verlassen – wie es dazu kam, ist unklar.
Die Forscher um Samuel Munoz von der University of Wisconsin-Madison haben nun Hinweise darauf gefunden, dass schwere Überschwemmungen durch den Mississippi eine Rolle beim Niedergang gespielt haben könnten. Die Schlussfolgerungen basieren auf Untersuchungsergebnissen von Sedimentbohrkernen aus dem Grund des Horseshoe Lakes, der nur fünf Kilometer von Cahokia entfernt liegt. In den Sedimentbohrkernen spiegelt sich die Überflutungsgeschichte der Region in den vergangenen 2000 Jahre wider: Auffällige Bandstrukturen in den Sedimentschichten zeigen, wann der Mississippi für Land unter sorgte.
Um 1200 war Hochwasser angesagt
Die Radiokarbon-Datierungen der Überschwemmungsschichten belegten: Im Zeitraum um die Jahre 280, 490, 580, 1200, 1400, 1510, 1590 und 1800 war der Mississippi extrem über die Ufer getreten. Den Forschern zufolge sei auffällig, dass es in der Zeit von 600 bis 1200 zu keinen großen Überschwemmungen gekommen war. Genau in dieser Zeit hatte sich die Kultur im Mississippi-Tal entfaltet. Als dann um 1200 der Fluss gewaltig über die Ufer trat, könnte dies verheerende Folgen für die Menschen gehabt haben.
“Können wir sagen, dass die Flut von 1200 den Untergang von Cahokia verursacht hat? Nein, dafür fehlen die Beweise”, sagt Munoz. “Alles, was wir zeigen können, ist eine zeitlich Übereinstimmung.” Den Forschern zufolge könnte die Flut aber zumindest ein Faktor beim Niedergang gewesen sein. Möglicherweise hat eine Summe von ökologischen und sozialen Problemen zur Instabilität der Kultur und schließlich zu ihrem Aus geführt.
Als die ersten Europäer in die Gegend kamen, war die Kultur bereits lange verschwunden. Sie hielten die Hügel, die noch heute vom einstigen Cahokia zeugen, anfangs für natürliche Erscheinungen. Das größte Bauwerk, der Mönchhügel wurde erstmals 1810 beschrieben. Es handelt sich um eine 30 Meter hohe, oben abgeflachte Erdpyramide, die eine Grundfläche von 291 mal 236 Metern besaß. Die eindrucksvollen Reste dieses Monuments belegen eindeutig, was für eine leistungsstarke Gesellschaft hier einst existierte.





