Zum ersten Mal wird der erstaunliche Reichtum des Schmuckschaffens der Darmstädter Künstlerkolonie gewürdigt. Dass auf der Mathildenhöhe Darmstadt um 1900 Bahnbrechendes in Architektur und Lebensgestaltung geleistet wurde, hat sich in der Öffentlichkeit weitgehend durchgesetzt – bis in welche feinen Verästelungen hinein dies mitunter ging, ist immer noch eine Entdeckung, so auch im Fall des Künstlerschmucks. Ob Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Rudolf Bosselt, Paul Bürck oder Patriz Huber: Alle sieben Pioniere der Künstlerkolonie, bis auf den Ziseleur Bosselt allesamt Autodidakten, haben zahlreich Schmuck entworfen. Sogar ihr Mäzen, Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, hat – erfasst vom allgemeinen kreativen Furor – eigene Entwürfe geschaffen. Eine markante, oft neuartige Formensprache zwischen abstraktem Symbolismus und geometrisierender Abstraktion, die selbstverständliche Einbindung der Schmuckentwürfe in die Gesamtkunstwerke der Architektur und Lebensgestaltung sowie die beispielhafte Zusammenarbeit mit der Pforzheimer Schmuckindustrie, die neben exklusiver Juwelierproduktion eine bis dato unbekannte Serienproduktion künstlerischer Entwürfe erlaubte: Dies sind bei aller Unterschiedlichkeit der künstlerischen Charaktere übergreifende und zukunftsweisende Aspekte des Schmuckschaffens der Darmstädter Künstlerkolonie, dessen Bedeutung und Strahlkraft weit über die Mathildenhöhe hinausreicht.
Vor der Folie dieser einmaligen künstlerischen und zeitgeschichtlich bedeutsamen Kreativität auf der Mathildenhöhe Darmstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich – erweitert um das Schmuckschaffen der nachfolgenden Künstlerkolonisten bis 1914 – in einer originalen Raumausstattung von Joseph Maria Olbrich entdecken lässt, zeigt die Ausstellung in den Sammlungsräumen des Museums Künstlerkolonie eine beeindruckende Auswahl erlesener Objekte, die insbesondere aus der bedeutenden Jugendstilschmucksammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt stammen. Der Bestand des Hessischen Landesmuseums wiederum basiert im Wesentlichen auf der hochkarätigen kunsthandwerklichen Sammlung des niederländischen Hofjuweliers Karel A. Citroen, der 1922 in Amsterdam geboren, bereits mit 30 Jahren zu sammeln begann – zu einer Zeit, in der es noch keineswegs en vogue war, sich für Kunsthandwerk des Jugendstils zu interessieren. Bis 1959 trug Citroen europaweit zahlreiche Schmuckobjekte zusammen. Die Ausstellung präsentiert mehr als 70 Höhepunkte der Sammlung des Hessischen Landesmuseums, darunter u.a. Arbeiten der bedeutenden Pariser Juweliere, Goldschmiede und Emailleure René Lalique und Georges Fouquet sowie André-Fernand Thesmar und Lucien Gaillard.
Ende des 19. Jahrhunderts setzt René Lalique eine Revolution auf dem Gebiet des Schmuckdesigns in Gang. Er entwirft für die Welt des Fin de siècle kostbaren Schmuck und zählt bedeutende Persönlichkeiten der Jahrhundertwende zu seinen Kunden. Unerschöpflich erscheint der Reichtum an Farben und Formen, realisiert mit höchst wertvollen Materialien. Lalique inspiriert auch die Wiener Schmuckproduktion der Jahrhundertwende, die sich jedoch in eine ganz andere Richtung entwickelt. So sind die weitaus strengeren Arbeiten von Josef Hoffmann Ausdruck der Überzeugung, dass weniger der Materialwert als besondere künstlerische Gestaltung und handwerkliche Qualität die Bedeutung eines Schmuckstückes ausmachen. Ganz ähnlich verhält es sich bei den Pionieren der Darmstädter Künstlerkolonie sowie den Entwerfern in den deutschen Schmuckzentren Hanau und Pforzheim. Bildet Schmuck aus Deutschland und Frankreich den Schwerpunkt der Präsentation, so sind in der Ausstellung ebenfalls Arbeiten des Dänen Georg Arthur Jensen, niederländischer Schmuck von Bert Nienhuis und Jan Eisenlöffel sowie Stücke des legendären russischen Goldschmieds Carl Peter Fabergé zu entdecken. Der belgische Jugendstil ist mit Stücken des Schmuckherstellers Philippe Wolfers präsent. Schmuckarbeiten aus Großbritannien von William Hair Haseler und Juwelen der britischen Architekten und Designers Henry Wilson sowie von Liberty & Co. produzierte Objekte runden das opulente Panorama ab und zeugen vom besonderen Glanz einer großen Epoche der Schmuckkunst.





