Spätestens seit dem Fund der Gletschermumie Ötzi ist klar, welche archäologischen Schätze sich in den Eisfeldern und Gletschern der Gebirge verbergen können. Vom Eis umschlossen können selbst fragile Relikte die Jahrtausende ohne Zersetzung der Verfall überstehen. In den letzten Jahren kommt den Archäologen dabei auch der Klimawandel zu Hilfe: Die zurückweichenden Gletscher legen neue Flächen und damit oft auch historische Relikte frei.
Hufeisen, Schlittenreste und eine römische Tunika
Genau dies ist auch beim Lendbreen der Fall, einem Gebirgsgletscher in Mittelnorwegen. Wegen des sich erwärmende Klimas ist heute nur noch an einem Hang nördlich des Gipfels eine größere Eisfläche erhalten. Sie hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Größe verloren. “Die Schmelze hat frische, flechtenfreie Gebiete von Geröll und Fels freigelegt, auf denen zahlreiche Artefakte entdeckt wurden, die meisten offen auf dem Untergrund liegend”, berichten Lars Pilø vom norwegischen Ministerium für Kulturerbe und seine Kollegen. “Diese unglaublich gut erhaltenen Funde aus organischen Materialien haben einen großen historischen Wert.”
Konkret hat das zurückweichende Eis bislang rund 800 archäologische Artefakte enthüllt, außerdem rund 150 Knochen und Geweihe, mehr als 100 aufgeschichtete Steinhaufen und die Fundamente einer aus Stein erbauten Schutzhütte, wie die Forscher berichten. Unter den Fundstücken sind typische Reiseutensilien wie Hufeisen, Reste von Schlitten und ein Wanderstab mit Runeninschrift. Aber auch Alltagsgegenstände haben die Archäologen am Lendbreen gefunden, unter ihnen sind eine römische Tunika, ein Handschuh und Schuhe aus der Wikingerzeit und ein Messer mit hölzernem Griff. Den Datierungen zufolge stammen die ältesten Fundstücke aus der römischen Eisenzeit von der Zeitenwende bis zum Jahr 400, die jüngsten Artefakte wurden im späten Mittelalter deponiert.
Ein Bergpass für die Wikinger
Doch die archäologischen Funde sind nicht nur für sich genommen wertvoll, sie liefern auch wertvolle Hinweise darauf, wer wann über diesen Gebirgspass wanderte. “Es ist nun klar, dass der Lendbreen seit der Römerzeit eine Schlüsselstelle für regionale Wanderungen und möglicherweise auch Fernreisen war”, konstatieren Pilø und sein Team. Denn wie sie erklären, war der Weg über diesen Bergpass eine Abkürzung, wenn man vom fruchtbaren Tal des Flusses Otta zu höhergelegenen Almweiden gelangen wollte. Aus historischen Aufzeichnungen und Funden ist bekannt, dass Bauern im Otta-Tal im Sommer ihre Viehherden auf Hochweiden jenseits dieses Gebirgsrückens trieben, wie die Archäologen erklären.
Umgekehrt bot diese Route die Möglichkeit, Fleisch, Käse, Felle, Geweihe und andere Tierprodukte von den Hochweiden zum Fluss und dann weiter stromabwärts bis zu Häfen zu transportieren. Aus der Datierung und Art der Funde schließen Pilø und seine Kollegen, dass diese Nutzung des Bergpasses vor allem in der Wikingerzeit ihren Höhepunkt fand. “Der Beginn der Passquerungen um 300 nach Christus markiert die Zeit, als die lokale Besiedlung zunahmen”, berichtet Co-Autor James Barrett von der University of Cambridge. Etwa um 1000 n.Chr. nahm dann der Verkehr auf dem Bergpass deutlich zu. “Das ist sicher kein Zufall, denn dies war eine Zeit der erhöhten Mobilität, der politischen Zentralisierung, des zunehmenden Handels und der Urbanisierung in Nordeuropa”, sagt Barrett.





