Im sogenannten Historikerstreit 2.0 wird sogar diskutiert, welche Rolle der Kolonialismus im Verhältnis zum Nationalsozialismus in der deutschen Erinnerungskultur haben kann und darf. Auch die Politik hat mit der umstrittenen Rückgabe der Benin-Bronzen nach Nigeria im Dezember 2022 und der Entschuldigung des Bundespräsidenten in Tansania im November 2023 Akzente gesetzt. Aktuell fördern alle demokratischen Parteien die Aufarbeitung von Kolonialgeschichte. Selbst Museen und Kirchen suchen nach einer neuen Haltung zu ihren historischen Verstrickungen im Geflecht kolonialer Herrschaft, stets verbunden mit dem Wunsch, auf diese Weise unserer sich durch Globalisierung und Migration wandelnden Gesellschaft besser gerecht zu werden. Im Kern geht es den postkolonialen Bewegungen darum, ein neues Bewusstsein für historisches Unrecht zu schaffen, das oft die Basis für den heutigen finanziellen und kulturellen Reichtum des Westens bildete. Im Fall Flensburgs etwa war dies die Erkenntnis, dass die sehenswerten Kapitänshäuser nur durch den profitablen Handel mit Rum erbaut werden konnten. Ein Getränk, dessen Grundstoff Zuckerrohr auf Plantagen in der Karibik durch Sklavenarbeit produziert wurde.
Häufig nehmen die Bewegungen auch Denkmäler oder Straßennamen in den Fokus, die bis heute Täter oder Profiteure des Kolonialismus würdigen. Während sich einige für eine Entfernung oder Umbenennung einsetzen, möchten andere diese Orte, mit entsprechenden Erklärungen versehen, als bewusste Steine des Anstoßes für die historische Aufklärungsarbeit bewahren. Wie schwierig eine solche Dekolonisation sein kann, zeigte zuletzt 2023 der gescheiterte Versuch, das Bismarck-Denkmal am Hamburger Hafen umzugestalten.





