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Global, lokal, gegenwärtig
Das deutsche Verhältnis zur Kolonialgeschichte hat sich drastisch verändert. Zunächst interessierte sich für das sperrige Thema nur eine meist linke akademische Minderheit, die sich in Metropolen wie Berlin oder Hamburg in „postkolonialen“ Zirkeln organisierte. Heute hingegen wird von Flensburg bis München dieses verdrängte Kapitel unserer Geschichte in all seinen Facetten wiederentdeckt.
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Im sogenannten Historikerstreit 2.0 wird sogar diskutiert, welche Rolle der Kolonialismus im Verhältnis zum Nationalsozialismus in der deutschen Erinnerungskultur haben kann und darf. Auch die Politik hat mit der umstrittenen Rückgabe der Benin-Bronzen nach Nigeria im Dezember 2022 und der Entschuldigung des Bundespräsidenten in Tansania im November 2023 Akzente gesetzt. Aktuell fördern alle demokratischen Parteien die Aufarbeitung von Kolonialgeschichte. Selbst Museen und Kirchen suchen nach einer neuen Haltung zu ihren historischen Verstrickungen im Geflecht kolonialer Herrschaft, stets verbunden mit dem Wunsch, auf diese Weise unserer sich durch Globalisierung und Migration wandelnden Gesellschaft besser gerecht zu werden. Im Kern geht es den postkolonialen Bewegungen darum, ein neues Bewusstsein für historisches Unrecht zu schaffen, das oft die Basis für den heutigen finanziellen und kulturellen Reichtum des Westens bildete. Im Fall Flensburgs etwa war dies die Erkenntnis, dass die sehenswerten Kapitänshäuser nur durch den profitablen Handel mit Rum erbaut werden konnten. Ein Getränk, dessen Grundstoff Zuckerrohr auf Plantagen in der Karibik durch Sklavenarbeit produziert wurde.
Häufig nehmen die Bewegungen auch Denkmäler oder Straßennamen in den Fokus, die bis heute Täter oder Profiteure des Kolonialismus würdigen. Während sich einige für eine Entfernung oder Umbenennung einsetzen, möchten andere diese Orte, mit entsprechenden Erklärungen versehen, als bewusste Steine des Anstoßes für die historische Aufklärungsarbeit bewahren. Wie schwierig eine solche Dekolonisation sein kann, zeigte zuletzt 2023 der gescheiterte Versuch, das Bismarck-Denkmal am Hamburger Hafen umzugestalten.
Ein weiteres Ziel des Postkolonialismus kann es sein, die weit zurückreichenden Wurzeln unserer heutigen multikulturellen Gesellschaft aufzudecken. So dienten schon lange vor Beginn der deutschen Kolonialzeit Menschen aus Afrika als sogenannte Kammermohren an deutschen Adelshöfen. Menschen aus Nordafrika dürften sogar schon in der Antike über die Netzwerke des Römischen Reiches Mitteleuropa erreicht haben.
Woher stammen die Sammlungen? Museen als Spiegel der Kolonialgeschichte
Der mit Abstand prominenteste Dreh- und Angelpunkt postkolonialer Debatten waren und sind jedoch Museen mit Sammlungen, die während der Kolonialzeit nach Deutschland gelangten. Dass die überwältigende Mehrheit bedeutender historischer Kunstwerke aus Afrika oder der Südsee nur in Museen in Europa und Nordamerika zu sehen ist, kann durchaus als ein bis heute andauerndes koloniales Unrecht verstanden werden. Viele Objekte wechselten unter – gelinde gesagt – fragwürdigen Umständen ihren Eigentümer. So schreibt beispielsweise der Forschungsreisende Hans Jobelmann in seinem Tagebuch am 9. Dezember 1907 lapidar: „Wir plünderten nun das Dorf auf Ethnographika hin und steckten die Häuser an.“
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Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Anders, als das inflationär gebrauchte Schlagwort „Beutekunst“ vermuten lässt, sind diese Bestände jedoch keinesfalls ausnahmslos geraubt. Diverse Beispiele belegen, dass bereits in der Kolonialzeit weltweit dekorative Skulpturen und Masken von den Einheimischen aktiv zum Verkauf angeboten, in Erwartung konkreter Gegenleistungen verschenkt oder sogar gezielt für den Handel mit europäischen Reisenden produziert wurden. Anstatt die Kolonisierten also pauschal als naive und wehrlose Opfer einer europäischen Sammelwut abzustempeln (und somit überkommene europäische Allmachtsphantasien zu reproduzieren), könnten wir sie im Spiegel von Museumssammlungen auch als kluge Strategen im Kampf um das Überleben unter dem kolonialen Joch würdigen.
Allerdings umfassen die kolonialen Sammlungen auch sterbliche Überreste von rund 17 000 Personen, zumeist Schädel von Menschen, die Opfer kolonialer Gewalt waren oder aus Gräbern geraubt wurden. Durch deren Studium wollte die Pseudowissenschaft der Rassenkunde die vermeintliche Überlegenheit der Menschen Europas belegen und somit auch ihren globalen Herrschaftsanspruch rechtfertigen. Für viele Nachfahren ist die Vorstellung, dass bis heute Gebeine ihrer Angehörigen wie beliebige Objekte in deutschen Archiven lagern, ein unerträgliches Unrecht. Forderungen der Herero etwa, alle Ahnen zur Bestattung in heimischer Erde zurückzuerhalten, sind seit dem 100. Jahrestag des Völkermordes 2004 immer wieder geäußert, aber niemals gänzlich erfüllt worden.
Von den deutschen Kolonialherren im heutigen Papua-Neuguinea „gesammelte“ Ahnenschädel wurden hingegen nicht zurückgefordert, da meist unklar ist, woher genau sie stammen. Ist das Dorf oder die Familie unbekannt, stellt sich die Frage, wer für eine adäquate Bewahrung oder Beerdigung verantwortlich ist.
Neu ist all dies nicht. Erste Rückgabeforderungen gehen bis in die frühen Jahre der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten nach 1945 zurück. Selbst aus heutiger Sicht berechtigte Anliegen wurden oft ignoriert und erreichten in Deutschland erst während der Kontroverse um das
Berliner Humboldt-Forum eine breite Öffentlichkeit. Die Entscheidungen, koloniale Objekte ausgerechnet in dem wiederaufgebauten Stadtschloss zu präsentieren, einem Gebäude, das von einem christlichen Kreuz bekrönt ist und als Sinnbild für den deutschen Imperialismus gilt, machte eine kritische Beschäftigung mit der Herkunft dieser Exponate in Berlin und darüber hinaus unumgänglich. Zugleich hat eine neue Generation von Führungskräften in der Museumswelt anerkannt, dass sie ihren Häusern mit der Aufarbeitung von Kolonialgeschichte eine neue Relevanz geben und einen wichtigen Beitrag für die deutsche Erinnerungskultur leisten können.
Die Spuren von Ausbeutung und Rassismus reichen bis in die Provinz
Denn auch jenseits des Völkermordes in Namibia gab es zahllose Unrechtsfälle, auf deren Spur uns die Provenienzforschung zur Herkunft von Sammlungen führt. Auf den Spuren der „Sammler“ kommen nicht nur weithin unbekannte deutsche Kolonialverbrechen an den Tag, denn viele Mitbringsel aus Übersee stammen zum Beispiel von Personen, die in britischen, französischen, niederländischen oder dänischen Kolonialgebieten tätig waren. Ebenso gab es in deutschen Kolonien wie Südwestafrika eine Reihe von Menschen britischer, portugiesischer oder niederländischer Abstammung, welche halfen, die europäische Vorherrschaft abzusichern.
Auch in postkolonialen Staaten Lateinamerikas oder den USA des 19. und 20. Jahrhunderts gab es Deutsche, die als Täter oder Profiteure an der Unterdrückung und Ermordung Hunderttausender Indigener teilhatten. Selbst ohne eine direkte Beteiligung von Europäern kann etwa bei
diversen Objekten aus Korea angenommen werden, dass sie während der japanischen Kolonialherrschaft (1905–1945) außer Landes geschafft wurden. Der Begriff „Deutscher Kolonialismus“ ist aus Museumssicht also irreführend, und wir müssen uns stets bewusst sein, dass sich eine ernsthafte Aufarbeitung von Kolonialgeschichte nicht auf Fragen nationaler Schuld reduzieren lässt, sondern einen globalen Blickwinkel erfordert.
Gerade weil der Kolonialismus im schulischen Geschichtsunterricht noch immer wenig Raum einnimmt, braucht die Forschung zudem einen starken lokalen Bezug. Denn genau wie Menschen aus den Kolonien in Berlins Zoologischem Garten oder auf dem Münchner Oktoberfest in entwürdigender Weise zur Schau gestellt wurden, gab es auf Hunderten provinziellen Jahrmärkten, in Gasthöfen und Zirkusarenen solche „Völkerschauen“. Und neben den berüchtigten Kolonisatoren wie Lothar von Trotha, Hermann von Wissmann oder Carl Peters gab es zahllose heute vergessene Offiziere, Beamte, Plantagenbesitzer, Missionare, einfache Seeleute oder Auswanderer aus der deutschen Provinz, auf deren Spuren uns Museumssammlungen führen.
Dekolonisation beschäftigt dabei nicht nur ethnologische Museen, sondern auch naturkundliche Häuser, die Pflanzen und Tiere aus den Kolonialgebieten bewahren. Auch Kunstmuseen sehen sich mit dem Thema konfrontiert, wenn es um Noldes Südseereise, Gaugains pädophile Neigungen oder die Wirkung afrikanischer Kunst auf die Werke des Impressionismus geht. Letztlich steckt das Thema Kolonialismus selbst in unscheinbaren historischen Objekten wie dem Klavier mit seiner Tastatur aus afrikanischem Elfenbein, der Tee- oder Kakaodose mit exotischen Motiven oder dem Fahrrad mit Reifen aus Naturgummi, für dessen Gewinnung indigene Gemeinschaften am Amazonas vertrieben oder ermordet wurden. Egal, ob der große Industriemagnat in der Metropole, der die kolonialen Armeen ausstattete, oder der kleine Kolonialwarenhändler, der seine deutsche Kleinstadt niemals verließ: Sie alle profitierten letztlich von dem Unrechtssystem kolonialer Herrschaft und schufen so eine fragwürdige Basis für unseren heutigen Wohlstand. All diese lokalen Zusammenhänge und Einzelbiographien sind wichtige Mosaiksteine, um die Breitenwirkung des Phänomens Kolonialismus verständlich zu machen, um zu verdeutlichen, dass das Thema alle angeht.
Dialog auf Augenhöhe und mit Bezug zur Gegenwart notwendig
Vielleicht noch wichtiger ist jedoch der Dialog, die gleichberechtigte Einbeziehung von Stimmen aus den ehemaligen Kolonialgebieten. So verlassen sich Forschung und Öffentlichkeit aktuell fast nur auf europäische Dokumente, die stets die Perspektive der Täter widerspiegeln. Ebenso sind im europäischen Bewusstsein die zahllosen vorkolonialen Reiche, Herrscherhäuser, Kriege und friedlichen Errungenschaften in den ehemals beherrschten Weltregionen deutlich unterrepräsentiert: Äthiopien etwa mit seiner mehr als 1700-jährigen Geschichte als christlicher Staat, in dem Europa erst spät eine Rolle spielte. Oder die Kulturen West- und Ostafrikas, über die weitaus ältere arabische als europäische Texte vorliegen. Insbesondere die Küstenländer Ostafrikas standen schon Jahrhunderte vor Ankunft der ersten Europäer in einem regen Austausch mit der arabischen Welt, Persien und selbst China. Nicht wenige Menschen in Afrika sehen auch heute für ihre Zukunft nicht Europa als Bezugsgröße, sondern China, sei es als Entwicklungshelfer oder als neuer Kolonisator.
So bedarf die Aufarbeitung des Kolonialismus immer auch eines Bezugs zur Gegenwart. Museen und postkoloniale Bewegungen etwa beschäftigen sich häufig mit der Frage, inwiefern Rassismus oder aus der deutschen Kolonialzeit stammende Klischees und Vorurteile das Denken bis heute prägen. Eine zentrale Forderung vieler Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund ist es, das „N-Wort“ aus dem Sprachgebrauch zu verbannen. Sie fühlen sich durch jegliche Verwendung dieses Begriffes verletzt, weil sie darin einen Inbegriff rassistischer Herabwürdigung sehen.
Neben solchen sprachpolitischen Fragen ruft auch das Problem „kultureller Aneignung“ (wenn etwa geistiges Eigentum kolonisierter Gemeinschaften von Nachfahren der Kolonisatoren ungefragt kommerziell ausgebeutet wird) kontroverse Debatten hervor. Einige Fachleute sehen gar die bis heute andauernde Ungleichheit in der Weltwirtschaft und selbst den Klimawandel als Spätfolgen des Kolonialismus. So sei der globale Süden mit den ehemaligen Kolonialgebieten viel härter von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen als die auch durch den Kolonialismus zu Wirtschaftsmächten aufgestiegenen Länder des Nordens, die den Klimawandel zudem noch hauptsächlich verschuldeten. Kolonialismus wird von den Betroffenen häufig gar nicht als ein historisches Phänomen begriffen. „Wenn Windparks auf unseren heiligen Berge gebaut werden, das ist für mich Kolonialismus“, erklärte Suvi-West, eine Regisseurin der Sámi auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck im November 2023.
Viele Museen streben daher an, ein Sprachrohr für all jene Menschen zu werden, die auf erlittenes historisches Unrecht hinweisen wollen oder bis heute in ihren Herkunftsländern als ungeliebte Minderheiten um Anerkennung kämpfen. Durch ein Studium der Objekte ihrer Ahnen können diese
Gemeinschaften bisweilen sogar im Kolonialismus vernichtete Traditionen und Fertigkeiten wiederbeleben. So war es einer Gruppe aus Alaska nach dem Studium von Bootsmodellen in deutschen Museen 2016 möglich, einen Bootstyp wiederzubeleben, der vor mehr als 100 Jahren von den russischen und US-amerikanischen Kolonialherren verboten worden war.
Oft ist das in den Objekten kodierte Wissen für die Gemeinschaften sogar wichtiger als die Frage ihres Verwahrungsortes. Rückgabeforderungen des Inselstaats Kiribati, der aufgrund der Folgen des Klimawandels zu verschwinden droht, gibt es nicht. Es besteht aber durchaus der Wunsch, dass Museen ihre Sammlungen nutzen, um auf ebendiese aktuellen Probleme hinzuweisen und diese Objekte zugänglich zu machen, wenn sich eine Generation ohne Heimat auf die Suche nach ihren kulturellen Wurzeln begibt.
Auch gilt es zu akzeptieren, dass die aktuelle Begeisterung für die Dekolonisation nicht überall wertgeschätzt wird. So kann eine Gemeinschaft am Amazonas dem deutschen Provenienzforscher zu verstehen geben, sie habe mit der aktuellen Vernichtung ihrer natürlichen Umwelt dringendere Probleme, als sich in den Dienst eines deutschen Eifers zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu stellen.
Weitaus häufiger ist jedoch zu hören, dass der Kolonialismus für die Betroffenen eben kein abgeschlossenes historisches Kapitel ist, solange Rassismus und ökonomische Ungleichheit in der Welt andauern. Für sie ist die Frage von Kolonialismus also sehr viel größer, und sie wollen sich nicht mit der Rückgabe von ein paar Masken abspeisen lassen. Deshalb kommt im interkulturellen Dialog früher oder später stets eine Forderung nach Entschädigungszahlungen auf. Neben der Höhe dieser Summen ist dabei auch entscheidend, ob diese Gelder mit einem Gestus der Überheblichkeit als „Entwicklungshilfe“ an nationale Regierungen gezahlt werden oder – verbunden mit einer aufrichtigen Entschuldigung – direkt den Nachfahren in den ehemals betroffenen Gemeinschaften zugutekommen.
Gerade im Fall der Herero, die nach dem deutschen Völkermord nur noch eine Minderheit in Namibia darstellen, sind diese Fragen höchst bedeutsam. Der
Anfang 2023 begonnene Rechtsstreit um das Versöhnungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und Namibia ist ein deutliches Zeichen, dass in der Frage der Aufarbeitung unserer Kolonialgeschichte keine schnellen „Lösungen“ zu erwarten sind.
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