Lange als minderwertige Kunstobjekte und in der christlichen Tradition als unerwünschte Götzenbilder angesehen, wurden sie für zahlreiche Künstler der Moderne wie etwa Pablo Picasso und Amedeo Modigliani eine wichtige Inspiration und Anlass für neue Ansätze in der Kunst. Nach der Wiederentdeckung der antiken Kunst in der Renaissance erwachte auch erste das wissenschaftliche Interesse an den geheimnisvollen Götterfiguren und Idolen. Was erzählen die Figuren über das Leben und das Weltbild der Menschen in antiken Kulturen, über die Urformen von Kult und Religion und über das Bestreben der Menschen, Ideen und Wünschen eine Gestalt zu geben? Über die Gründe für ihre Entstehung und ihre Bedeutung und Funktion im kultischen Brauchtum rätseln Wissenschaftler noch heute. Die Ausstellung folgt den Spuren ihrer Entdeckung und Erforschung und der spannenden Suche nach den Ursprüngen der Kunst. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Winckelmann-Museum Stendal.
Seit der Altsteinzeit schuf der Mensch meist kleinformatige, abstrakte, stilisierte Figuren nach seinem Vorbild, die in der Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert als „Idole“ bezeichnet werden. Die Bezeichnung „Idol“ leitet sich vom griechischen und römischen eidolon/idolum ab und bezeichnet ein Bild oder Abbild von etwas. Erstmals in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. bei Homer in Ilias und Odyssee erwähnt, sind die Idole dort Schattenbilder, die die Seele eines Ver¬storbenen in der Unterwelt darstellen. Herodot, Vater der Geschichtsschreibung, bezeichnet im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen Historien erstmals eine weibliche Votiv¬figur im Heiligtum von Delphi als Idol im Sinne eines Abbildes.
Waren mit Beginn der Renaissance in Rom große Antikensammlungen entstanden, wurde das Interesse in Mittel- und Nordeuropa durch die 1531 im Kloster Hersfeld entdeckte antike Schrift Germania des Tacitus aus der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n.Chr. geweckt. In diesem Zusammenhang wuchs auch das Interesse an germanischer und slawischer Mythologie. Als Quellen standen zunächst nur die Berichte und Notizen in Chroniken zur Verfügung, was zu fantasiereichen Bildentwicklungen und zur Erfindung von Götzen führte.
Im 18. Jahrhundert setzte allmählich eine wissenschaftliche Erforschung der Idole und Götzenbilder ein. Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), der als Begründer der modernen Archäologie gilt, hat sich in seiner Geschichte der Kunst des Alterthums 1764 ausführlich mit dem Ursprung und den Anfängen der Kunst befasst. Im Mittelpunkt stand für ihn dabei das ureigene Interesse der Menschen, sich ein Abbild zu schaffen bzw. sein Umfeld bildlich darzustellen.
Diese Überlegungen bereiteten den Boden für eine gezielte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Idol und Götzenbild“. Als um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erstmals Kykladen-idole auftauchten, wurden diese zunächst nur gering geschätzt. Johannes Overbeck bezeichnete sie 1857 in der Abhandlung Geschichte der griechischen Plastik noch als „kleine Scheusale aus Marmorsplittern“ – ein Passus, der in der zweiten Auf¬lage bereits entfernt wurde. Erst um 1900 entwickelte sich eine andere Sichtweise auf diese frühen Menschen- der Götterbilder. Wie umfangreich dieser Wan¬del und das künstlerische Interesse schließlich waren, zeigt sich in der Klassischen Moderne: Picasso schätzte die Kykladenidole aufgrund ihrer gelungenen Formen und ihrer Abstraktion höher als Skulpturen des rumänisch-französischen Bildhauers Brancusi (1876-1957), der neben Auguste Rodin die Skulpturen des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusste.





