Die Stadt Ingelheim am Rhein ist vor allem für ihre Verbindung mit Karl dem Großen berühmt: Um das Jahr 800 ließ der Kaiser aus dem Geschlecht der Karolinger an diesem Ort eine Pfalz errichten – einen Gebäudekomplex, in dem er bei den Rundreisen durch sein Reich zeitweilig residierte. Die imposanten Überreste dieser Anlage können heute besichtigt werden und um ihre Bewahrung und weitere Untersuchung kümmert sich die eigens eingerichtete Forschungsstelle Kaiserpfalz. Seit 2015 erkundet ein Grabungsteam der Einrichtung archäologische Spuren in Ingelheim, die aus der Zeit vor dem Ausbau zur Kaiserpfalz stammen. Es handelt sich um ein Gräberfeld im Bereich der Rotweinstraße, die auf die Merowinger-Ära datiert wird. Sie reichte vom 5. Jahrhundert bis ins Jahr 751 und umfasste dadurch die turbulente Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter.
Was den Grabräubern entgangen ist
Wie die Forschungsstelle Kaiserpfalz berichtet, kamen bei den Ausgrabungen in der Rotweinstraße zahlreiche, bereits im Mittelalter geplünderte Gräber zum Vorschein. Die Räuber hatten damals alles Wertvolle inklusive der Metallgegenstände entwendet und die Ruhestätten dabei zerwühlt. Doch dann stieß das Team schließlich auf die Bestattung mit der Befundnummer 447. „Als der Rand eines Schildbuckels zum Vorschein kam, war erst nicht klar, ob er zu einem der gestörten Gräber oder zu einem noch unentdeckten gehörte“, berichtet Grabungsleiter Christoph Bassler von der Forschungsstelle Kaiserpfalz. „Also haben wir vorsichtig weiter gegraben, bis klar war: Wir haben zwischen zwei beraubten Bestattungen tatsächlich ein noch komplett unberührtes Grab entdeckt, welches die Grabräuber aus irgendeinem Grund übersehen haben“, so der Archäologe.
Wie die Untersuchungen ergaben, handelt sich um die Ruhestätte eines 30 bis 40 Jahre alten Manns. Die enganliegenden und leicht nach oben gezogenen Schultern des Skeletts – die sogenannte Sarghaltung – belegten, dass der Verstorbene einst in einem Holzsarg bestattet wurde, von dem allerdings nichts übriggeblieben ist. Wie sich zeigte, war den mittelalterlichen Grabräubern eine fette Beute entgangen. Denn der Mann war mit einem beeindruckenden Waffenarsenal bestattet worden.
Die eindrucksvollste Beigabe war dabei eine sogenannte Spatha, ein zweischneidiges Schwert, das man dem Toten neben seinen rechten Arm gelegt hatte. „Die Länge der Spatha-Klinge beträgt etwa 75 Zentimeter, das ganze Schwert mitsamt Heft und Knauf ist etwa 93 Zentimeter lang“, berichtet Bassler. „Die Klinge ist sogar noch leicht flexibel, das spricht für einen außergewöhnlich guten Erhaltungszustand“, freut sich der Frühmittelalter-Experte. Auch weitere metallene Elemente, die zu dem Schwert gehörten, sind erhalten geblieben: Teile der Scheide aus Bronze sowie Fragmente der Aufhängung und des Gurtes.





