Grafikdesign ist heute in einem Maße präsent, dass ein Alltag ohne Bilder nicht mehr vorstellbar ist. Werbung, Zeitschriften, Internet, Vieles im Fernsehen, aber auch Straßenschilder und andere notwendige Dinge – alle sind sie das Werk von Grafikdesignern. Das war nicht immer so. Noch vor rund 150 Jahren waren gedruckte Bilder im Alltag eine große Seltenheit. Als um 1890 farbige Drucke in alle Teile des Alltags vordrangen, gab es durchaus auch Kritiker. Warnend sprach man beispielsweise in den USA von einer „Chromo Civilization“, einer Farben-Zivilisation, die zu einer allgemeinen Oberflächlichkeit zu führen drohe.
Die Ausstellung und der begleitende opulente Prachtband handeln von der Bilderexplosion um 1890 und dem internationalen qualitativen Schub, den Buch- und Zeitschriftengestaltung, Plakatkunst und die zahlreichen Akzidenz-drucke nach 1895 erfuhren. Um 1910 war die Entwicklung weitgehend abgeschlossen. Die verschiedenen Bereiche der Werbung, vom kleinen Prospekt bis zum großen Plakat, die vielfältigen Geschäftsgrafiken, die schließlich zur Corporate Identity führten, oder auch das illustrierte und modern gestaltete Buch hatten sich in neuen und zukunftsträchtigen Formen etabliert. Zum ersten Mal erlaubt die groß angelegte Ausstellung einen umfassenden Überblick über die Gesamtheit der Entwicklungen, die gemeinsam die Basis zur heutigen Vielfalt des Grafikdesign legten.
Bedeutende Künstler waren an dieser Entwicklung beteiligt. Am Anfang standen William Morris und das Arts and Crafts Movement. Aus einer Ablehnung der Industriegesellschaft und der Entfremdung des Arbeiters suchte Morris die Rückkehr zum mittelalterlichen Werkstattbetrieb, in dem Entwurf und Ausführung in einer Hand lagen. Morris produzierte in seinen Werkstätten Tapeten und Stoffe und vor allem ab 1890 in seiner Kelmscott Press kostbarste Bücher. Er leitete das so genannte „Private Press Movement“ ein: Private Verlage und Druckereien boten eine kostbare und vorbildlich gestaltete Alternative zum industriell hergestellten Buch.
Ähnlich wichtige Anregungen gingen von der aufkommenden Plakatkunst aus. Initiiert von dem Pariser Jules Chéret hatte sie sich nach 1890 zu einer der interessantesten Kunstgattungen entwickelt. Junge Künstler wie Henri de Toulouse-Lautrec oder Pierre Bonnard versuchten, an dem „Poster Boom“, oder der „Affichomanie“, wie es in Frankreich hieß, teilzuhaben und sich mit spektakulären Plakaten einen Namen zu machen.
Mit Aubrey Beardsley und Alfons Mucha entstand in der Mitte der 1890er Jahre das noch heute gültige Bild des Jugendstil: Ideal schöne, jugendliche Menschen, umgeben von einem harmonischen und zum Ornament stilisierten Ambiente, verheißen eine unbeschwerte Zukunft. Die exquisite Stilisierung des Alltags führte durchaus auch zu einer Realitätsferne, die in befremdlichem Kontrast zur oft handfesten Funktion der Entwürfe steht: Viele von ihnen entstanden für Buchtitel, Plakate oder Einladungskarten. Die Sehnsüchte, an die die Hochglanzbilder der Werbung heute appellieren, waren offenbar bereits damals nicht anders und wurden entsprechend instrumentalisiert.





