Susanne Maria Michaelis vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und ihre Kollegen koordinierten über einige Jahre hinweg Sprachexperten zu 25 Sprachen der westlichen Hemisphäre, 25 afrikanischen Sprachen und 26 asiatisch-pazifischen Sprachen. Das Leipziger Team leitete ein Konsortium von Spezialisten zu 76 Kreolsprachen, Pidginsprachen und anderen Mischsprachen.
Das Ergebnis ist ein Atlas von 130 Weltkarten, auf dem die Verteilung verschiedener grammatischer Merkmale zu sehen ist, sowie zwei Dutzend weitere Karten mit soziolinguistischen Informationen und zusätzlich etliche Karten zu den verwendeten Lautinventaren.
Viele der Karten zeigen auffallende Ähnlichkeiten zwischen karibischen Sprachen wie Jamaika-Kreol oder Haiti-Kreol und den afrikanischen Sprachen der Sklaven, die seit dem 17. Jahrhundert von den Kolonisatoren zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen wurden. Da die allermeisten Sklaven in den Kolonien der Karibik und der amerikanischen Südstaaten aus Afrika kamen, ähneln die karibischen Sprachen den westafrikanischen Sprachen in vielerlei Hinsicht.
Während die meisten dieser Sprachen das Vokabular aus den Sprachen der europäischen und auch arabischen Kolonisatoren übernommen haben, lassen sich ihre grammatischen Strukturen oft auf die von den Sklaven gesprochenen afrikanischen und pazifischen Sprachen zurückführen. Diese Tendenzen zeigt der Atlas deutlicher als je zuvor.
„Man erkennt das nicht auf den ersten Blick an den Wörtern, die meistens wie im Spanischen, Französischen oder Englischen klingen”, sagt Philippe Maurer von der Universität Zürich. „Aber wenn wir uns zum Beispiel die grammatischen Muster genauer anschauen, die Zeitverhältnisse am Verb ausdrücken, werden wir direkt zu afrikanischen und asiatischen Vorbildern geführt.”
Das Jamaikanische etwa verlangt für die Vergangenheit eines Handlungsverbs keine eigene Zeitangabe, im Gegensatz zum Englischen. „Die Männer gruben das Loch” heißt „Di man-dem dig di huol” (vgl. Englisch: „The men dug the hole“). Genauso funktioniert das auch in vielen westafrikanischen Sprachen. Einige Spuren afrikanischer Grammatik finden sich auch im afroamerikanischen Englisch in den USA.
„Grammatische Strukturen können in bestimmten Fällen ältere historische Gegebenheiten bewahren und uns als Fenster in die Vergangenheit dienen, aber sie sind nicht leicht über die Sprachen hinweg zu vergleichen”, bemerkt Martin Haspelmath vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Eine große Herausforderung war es, Vergleichsbegriffe zu finden, mit denen Sprachexperten aus verschiedenen Forschungstraditionen ihre äußerst vielfältigen Sprachen auf einen gemeinsamen Nenner bringen können.





