Die Sammlung griechischer Manuskripte in der Bibliothek des Erzbischofs von Canterbury im Lambeth Palace hat ihren Ursprung im frühen 17. Jahrhundert. Als die Bibliothek 1610 gegründet wurde, stand die anglikanische Kirche in regem Austausch mit der griechisch-orthodoxen Kirche im östlichen Mittelmeerraum. In diesem Rahmen wechselten auch historische Handschriften beispielsweise als Geschenke ihre Besitzer oder wurden getauscht.
Erste detaillierte Katalogisierung
“Die Kultur des östlichen Mittelmeers spielte eine entscheidende Rolle für die Bewahrung und Verbreitung von biblischen und liturgischen Schriften”, erklärt Giles Mandelbrote von der Lambeth Palace Library. “Die von der Bibliothek des Lambeth Palace seit ihrer Gründung 1610 akquirierten griechischen Manuskripte sind von internationaler Bedeutung.” Von den 55 Codices der Sammlung waren einige zwar bereits gut untersucht, andere dagegen wurden nur grob erfasst.
Um mehr Einblick in die historische Sammlung zu erhalten, haben nun Forscher des Royal Holloway, University of London unter Leitung von Charalambos Dendrinos, die Manuskripte erstmals umfassend untersucht und katalogisiert. Der ausführliche Katalog ist ab jetzt auf der Website des Lambeth Palace und des hellenistischen Instituts des Royal Holloway frei verfügbar.
Entdeckung im Evangeliar
Bei ihrer Untersuchung der Manuskripte stießen die Forscher auf einige Überraschungen. In einem Evangeliar entdeckten sie mehrere Blätter eines anderen Manuskripts. Auf diesen waren vordergründig Hymnen aus dem 15. Jahrhundert notiert. Doch bei näherem Hinsehen trat darunter ein halb gelöschter, deutlich älterer Text zutage. Dabei handelte es sich um einen mit Anmerkungen versehenen Bericht zum Leben des heiligen Johannes Chrysostomos aus dem 9. oder frühen 10. Jahrhundert, wie die Wissenschaftler berichten.
Weitere Entdeckungen in der Sammlung umfassen eine Abschrift des Alten Testaments, die von christlichen Schreibern erstellt wurde, aber später in den jüdischen liturgischen Gebrauch überging, außerdem zahlreiche zuvor nicht dokumentierte Marginalien und Anmerkungen. Unter den Manuskripten identifizierten die Historiker auch ein Werk eines Lehrlings – eines Anfängers unter den Kopisten.
Randnotizen, Schreibstile und Bindung
“Neben der Klärung der Hauptinhalte der Manuskripte haben wir auch die verschiedenen Anmerkungen und Markierungen dokumentiert, die die Schreiber oder späterer Kopisten hinterließen”, erklärt Christopher Wright vom Royal Holloway. “Diese haben es uns ermöglicht, in vielfacher Hinsicht ein neues Licht auf die Geschichte dieser Manuskripte zu werfen.” Denn wenn die Eigenheiten bestimmter Schreiber im Schreibstil, in der Buchstabenform oder den Ligaturen bekannt sind, lassen sich auch andere Manuskripte aus ihrer Hand identifizieren und damit besser zuordnen.





