Um 1700 v. Chr. war die politische Landkarte Vorderasiens fast so bunt gefleckt wie die des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vor 1803. Neben mehreren mittelgroßen Territorialstaaten gab es eine große Zahl von Kleinstaaten, manche wohl nicht viel größer als Sachsen-Weimar-Eisenach zur Zeit Goethes. Allerdings war diese Staatenwelt nicht eingebettet in ein überwölbendes, auf ehrwürdige Traditionen zurückgehendes Reich, das den bestehenden Territorien, ihren Grenzen und Dynastien Legitimität verlieh und damit strukturkonservativ und friedensfördernd wirkte. Vielmehr standen sich die stärkeren dieser Länder in zähem Ringen um die Vorherrschaft gegenüber, während den zahlreichen kleineren Staaten ein Vasallitätsverhältnis zu einer der „Großmächte“ aufgezwungen worden war. Feldzüge fanden jedes Jahr statt, und nicht selten führten sie zur Zerstörung von Städten und Versklavung von Bevölkerungen.
Ein keilschriftlicher Brief dieser Zeit illustriert die Situation: „Es gibt keinen König, der für sich allein stark ist. Hammurapi, dem Herrscher von Babylon, folgen 10, 15 Könige. Rim-Sin, dem Herrscher von Larsa, ebenfalls. Amut-pi-El, dem Herrscher von Qatna, ebenfalls. Dem Jarim-Lim, dem Herrscher von Jamchad, folgen 20 Könige.“ Jamchad ist in dieser Zeit der Name des Staates, dessen Hauptstadt Halab war, das heutige Aleppo. Der König von Aleppo hatte also ein besonderes politisches Gewicht. Zu den „Großmächten“ zählte aber dem Brief zufolge auch Qatna, der Hauptkonkurrent Aleppos um die Vorherrschaft in Syrien.
Qatna liegt etwa 150 Kilometer südlich von Aleppo, nicht weit von der mittelsyrischen Stadt Homs, in einer fruchtbaren Ebene am Rand der Steppe, östlich des Orontes. Von Qatna aus war in nordöstliche Richtung die Stadt Emar am Euphrat-Knie zu erreichen, die als Drehscheibe für den Handel mit Babylonien und Assyrien diente. Eine andere Route führte über Palmyra zu den Städten am mittleren Euphrat. Qatna war in der Lage, das baumarme Mesopotamien mit edlen Hölzern zu versorgen; so wird in einem Brief Zedern-, Zypressen- und Myrtenholz erwähnt, das mit Lastwagen und Schiffen bis Assyrien transportiert werden sollte. Nach Süden führte eine Route nach Palästina mit dem „international“ vernetzten Machtzentrum Hazor und dann nach Ägypten. Eine in Qatna ausgegrabene Sphinx aus der Zeit des Pharaos Amenemhet II. (um 1900 v. Chr.) könnte darauf verweisen, dass Qatna schon so früh Verbindungen mit Ägyp-ten unterhielt und damit sicherlich in jener Zeit kein unbedeutender Ort war. Es ist allerdings auch möglich, dass die Sphinx erst viel später als Plünderungsgut nach Qatna gelangte.
Zu großer Bedeutung stieg Qatna wohl erst im Lauf des 18. Jahrhunderts v. Chr. auf, auch wenn es Siedlungsspuren aus dem späten 3. Jahrtausend gibt. Ob der Ort in den Archiven aus Ebla – den ältesten Keilschriftdokumenten aus Syrien (um 2350) – bezeugt ist, ist umstritten. Der erste König von Qatna, von dem wir wissen, ist Ischchi-Addu, der Vater des in dem oben zitierten Brief genannten Amut-pi-El.





