Die Wiedererrichtung komplettiert das prächtige Gebäudeensemble in den Herrenhäuser Gärten, die zu den besterhaltenen und größten barocken Gartenanlagen Europas zählen. Die Anlagen in der Hannoverschen Nordstadt wurden um die Mitte des 17. Jahrhunderts angelegt. Das darauf errichtete Schloss verblieb bis ins 20. Jahrhundert im Besitz der welfischen Fürstenfamilie, bis es im Jahr 1943 bei einem Luftangriff nahezu gänzlich zerstört wurde. Erhalten blieben nur das Portal der Schlosstreppe und die Begrenzungen der beiden Schlosshöfe.
In der Nachkriegszeit waren mehrere Bemühungen zum Wiederaufbau des Schlosses aus finanziellen Gründen gescheitert und so blieb seither die Baulücke mit Ruinenresten bestehen. Nun soll das Schloss in seinem letzten Baubestand rekonstruiert werden. Nach den Plänen des Hofbaumeisters Georg Ludwig Laves, der das Schloss Anfang des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Baustil erneuerte, wird ausschließlich die Hülle des historischen Baukörpers nachgebaut. Hinter den klassizistischen Fassaden soll der Innenraum künftig ein modernes Tagungszentrum beherbergen, das durch ein kulturhistorisch ausgerichtetes Museum ergänzt werden soll. Vor allem wissenschaftliche Veranstaltungen sollen in den neuen Räumlichkeiten stattfinden, womit nach Ansicht der Bauträger der geistesgeschichtlichen Tradition der Stadt Rechnung getragen wird. Schließlich war Gottfried Wilhelm Leibniz lange am hannoverschen Hofe und damit auch im Schloss Herrenhausen tätig.
Die Wiedererrichtung des Schlosses ist in der öffentlichen Diskussion nicht unumstritten. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) sprach sich im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau strikt gegen die Rekonstruktionstendenzen in der deutschen Stadtplanung aus. Nach seiner Ansicht sollte die kulturelle Kontinuität und die Ablesbarkeit der Geschichte in den Städten erhalten bleiben. Dies könne nur durch eine die bestehende Bebauung respektierende, aber zeitgebundene Architektur geschehen. Der BDA bezieht sich mit der Haltung auf ein Memorandum der UNESCO, die im Bezug auf die Stadtplanung neben dem Erhalt historischer Bausubstanz ausdrücklich fordert, dass Formen pseudohistorischer Gestaltung der Städte zu vermeiden seien. Der BDA Niedersachsen forderte daher dazu auf, im nun anstehenden Architektenwettbewerb, die Fassadengestaltung ausdrücklich offen zu halten. Nur so könne eine verantwortliche Lösung der Wiederbebauung gefunden werden.
Bei den Verantwortlichen herrscht allerdings eine andere Meinung vor. In dem nun geschlossenen Vertrag verpflichtet sich der Bauträger zur getreuen Fassadenrekonstruktion nach den Lavesplänen. Die Befürworter einer Rekonstruktion führen vor allem das Argument ins Feld, dass die Erhaltung des Gesamtkunstwerks „Herrenhäuser Gärten“ der historischen Kontinuitätsansicht unterzuordnen sei. Die Politik zieht zudem Schlüsse aus dem Vorhaben einer modernen Bebauung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals wollte die Stadt nach einer Idee des dänischen Architekten Arne Jakobsen an der Stelle des Schlosses eine 21 Meter hohe Aussichtstribüne über den Gartenanlagen errichten. Die Realisierung des Entwurfes scheiterte jedoch am heftigen Widerstand der Bevölkerung.





