Erst 25 Jahre sind seit seinem Tod vergangen, doch Mao Zedong scheint bereits ins Reich der Fabel eingegangen zu sein: Während er für seine Hagiographen nach wie vor der große Revolutionär und Visionär, der militärische Stratege, Analytiker und Poet bleibt, und während er vielen Bauern bereits als Schutzheiliger erscheint, dessen Plaketten sich als Amulette empfehlen, gilt er seinen unzähligen Gegnern aus den Reihen vor allem der heutigen Reformer als unduldsamer Despot, der auf unmarxistische Art und Weise jeden Kritiker zum Schweigen gebracht hat, als Mystagoge, der China mit seinem Klassenkampfkurs in eine Sackgasse hineinsteuerte, als Massenmörder, dem „65 Millionen Menschenleben zum Opfer gefallen“ seien (so das 1997 erschienene „Schwarzbuch des Kommunismus“), oder aber als notorischer Vernichter wirtschaftlicher Werte, dessen rund 30 Großkampagnen mehr als 100 Milliarden Dollar verschlungen haben – von seinem Ruf als Plagiator, Frauenheld oder Verräter von Freunden und Weggefährten ganz zu schweigen.
Wer hier Distanz bewahren will, ist gut beraten, sich eng an Daten und Zahlen zu halten. Allerdings verschwindet die Person Maos dann immer mehr hinter den Ereignissen. Vor allem in den Jahren nach 1949 beginnen Chinas und Maos Geschichte weitgehend parallel zu verlaufen – Zeichen dafür, wie dramatisch sich der Schatten des „Vorsitzenden“ über die Geschichte der Volksrepublik China in den ersten drei Jahrzehnten gelegt hat.
Bis zum 17. Lebensjahr wuchs der am 26. Dezember 1893 geborene Mao „barfüßig“ auf: in der kleinen Welt des südchinesischen 2000-Seelen-Dorfs Shaoshan, in dem noch das Mittelalter zu Hause war, in dem Hunan-Dialekt gesprochen wurde und in dem die Bauern ihre Kinder streng autoritär zu erziehen pflegten.
Maos Vater war wohlhabend genug, um seinen Sohn mit 17 Jahren zur Mittelschul- und Lehrerausbildung in die Provinzhauptstadt Changsha zu entsenden, wo der lesehungrige Schüler sich zunächst in altchinesische Heldenliteratur und Lyrik vergrub, ehe er von den Strudeln der fernen Ereignisse des Jahres 1911 (Sturz der letzten Dynastie und Ausrufung der „Republik China“ durch Sun Yatsen) erfaßt wurde: Unterrichtsstunden fielen aus, das Taschengeld ging zur Neige, und Mao sah sich immer mehr zum Selbststudium in der Universitätsbibliothek von Changsha gezwungen, wo er zum erstenmal auch Bekanntschaft mit westlicher Literatur schloß, unter anderem mit Werken Darwins, Rousseaus und Haeckels. Von Neugierde und Ungewißheit angetrieben, wagte er 1918 den Sprung in die Hauptstadt Peking, erhielt dort eine schlecht dotierte Anstellung an der Universitätsbibliothek (Beida) und schloß Bekanntschaft mit Li Dachao, dem Leiter der Bibliothek, sowie mit Chen Duxiu, einem Literaturprofessor, die beide mit zu den führenden chinesischen Marxisten der ersten Stunde gehörten, seit in Rußland die Oktoberrevolution (von 1917) erfolgreich über die Bühne gegangen war…





